Gleichberechtigung in Saudi-Arabien : Frauen übernehmen das Steuer

29.10.2011 17:17 UhrVon Sara al Haidar
So wie Iman al-Nafjan aus Riad widersetzen sich immer mehr Frauen der Unterdrückung in Saudi-Arabien - indem sie sich ans Steuer setzen. Foto: AFP
So wie Iman al-Nafjan aus Riad widersetzen sich immer mehr Frauen der Unterdrückung in Saudi-Arabien - indem sie sich ans Steuer setzen. - Foto: AFP

Saudi-Arabien ist das einzige Land in der Welt, das Frauen das Autofahren verbietet. Doch immer mehr Frauen begehren gegen die systematische Bevormundung auf - und setzen sich hinters Lenkrad. Und das ist erst der Anfang.

Für manche Leute sind diese alltäglichen Dinge selbstverständlich, etwa, mit dem Auto in einen Supermarkt zu fahren. Für sie ist es normal, ein verheiratetes Paar darüber streiten zu hören, wer die Kinder zur Schule bringt und wer sie später vom Fußballtraining abholt. Aber das ist in Saudi-Arabien nicht so, denn Saudi-Arabien ist das einzige Land in der Welt, das Frauen verbietet, Auto zu fahren. Diese Streite gibt es also ganz einfach nicht. Es ist vielmehr Tatsache, dass ein Mann die Frau von einem Ort zum nächsten fahren muss. Die Person hinter dem Steuer könnte ein Verwandter der Frau sein oder ein angestellter Fahrer.

In letzter Zeit allerdings berichteten internationale Medien über Frauen aus dem ganzen Land, die sich selbst ans Steuer gesetzt haben und gegen das Verbot protestieren.

Es scheint, all sei die Welt schockiert darüber, dass Frauen, die schließlich erwachsene Menschen sind, etwas so Banales wie Autofahren, nicht erlaubt wird. Die Welt zeigt sich interessiert an ihrem Kampf um ein grundsätzliches Menschenrecht. Doch vielen ist nicht bekannt, dass das Autofahren nur die Spitze des Eisbergs ist, eines Berges von Rechten, die Frauen in Saudi-Arabien versagt bleiben. Frauen in diesem Land kämpfen mit einer Vielzahl von Hindernissen, jeden Tag. Eines dieser Hindernisse ist, dass Frauen einen männlichen Vormund brauchen, und zwar für so ziemlich alles, was sie tun.

Frauen in Saudi-Arabien werden gezwungen, bei den meisten Angelegenheiten männliche Vormunde hinzuzuziehen. Als rechtlicher Vormund fungieren der Ehemann oder der Vater der Frau. Wenn eine Frau unverheiratet und ihr Vater verstorben ist, wird der Bruder der Vormund der Frau. Wenn sie keinen Bruder hat, wird ihr Onkel väterlicherseits ihr Vormund. Wenn sie keinen Onkel väterlicherseits hat, kann der Vormund jeder beliebige männliche Verwandte sein. Es kommt vor, dass Frauen von ihrem eigenen Enkelsohn als Vormund vertreten werden. Es gibt keinen Punkt in ihrem Leben, ab dem sie als verantwortliche Erwachsene betrachtet werden. Weder ihr Bildungsstand noch ihr Alter können eine Frau qualifizieren, für sich selbst Entscheidungen zu treffen und eine eigenständige Rechtsperson zu werden. Es ist ein Quell der Frustration für viele Frauen in Saudi-Arabien, dass sie ohne die Einwilligung eines Mannes nicht in der Lage sind, sich zu bilden, sich um einen Job zu bewerben oder das Land zu verlassen. Mütter können für ihre Kinder keine Sparbücher einrichten; ihre Männer müssen es für sie tun. Fehlt es saudischen Frauen wirklich an den intellektuellen Fähigkeiten, eigenständig Entscheidungen zu treffen?

Sara al Haidar Foto: Katharina Eglau, Winterfeldtstr.
Sara al Haidar - Foto: Katharina Eglau, Winterfeldtstr.

Der Islam fordert einen männlichen Vormund lediglich in Eheangelegenheiten. Manche islamischen Denkschulen, etwa die Hanafi-Schule, erkennen nicht einmal diese relativ geringe Anforderung an. In der Geschichte des Islam haben Frauen sehr bedeutende Positionen eingenommen. In der Frühphase haben Frauen der Gemeinschaft gedient, indem sie unterrichteten und die Kinder erzogen, aber auch durch andere wichtige Tätigkeiten. Es gibt sogar Geschichten über muslimische Frauen, die auf die Schlachtfelder gingen, um die Verwundeten zu versorgen. Dennoch wird die Religion in der saudischen Gesellschaft so interpretiert, dass die Macht der Frauen marginalisiert wird, dass sie daran gehindert werden, Kontrolle über ihren Besitz und selbst über ihren Körper zu erlangen.

Es ist doch merkwürdig, dass eine Gesellschaft, die so stark durch die Religion geprägt ist, Frauen auf diese Art verachtet, besonders, da es die Religion ist, die den Fokus darauf gerichtet hat, Gleichheit zwischen Mann und Frau herzustellen. Eine einfache Lösung wäre es, auf der Basis von islamischen Regeln Gesetze zu erlassen, die für beide, Männer und Frauen gleichermaßen gelten und die gleiche Strafen für beide Geschlechter festsetzen.

Die Autorin ist Frauenrechtlerin. Sie lebt in Riad, ist verheiratet und hat ein Kind. Aus dem Englischen übersetzt von Anna Sauerbrey.

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