Gleichberechtigung : Jungs sind an allem schuld

Eigentlich sind doch immer die anderen an allem schuld. Nur bei benachteiligten Jungs soll das plötzlich anders sein, interpretiert Harald Martenstein die Äußerungen von Alice Schwarzer - und hat damit ein Problem.

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Wie schwer ist es doch, zu sagen: Ich habe Mist gebaut. Man gibt, wenn etwas schiefläuft, immer gerne den anderen die Schuld. Oder den Verhältnissen. Ein bisschen was ist ja meistens auch dran. Meistens sind die Verhältnisse widrig und die anderen ein wenig mitschuldig. Daran hält man sich gerne fest.

Bei politischen oder gesellschaftlichen Problemen verhält es sich ähnlich, es liegt immer an den Verhältnissen, es gibt immer zu wenige Sozialarbeiter, falsche Gesetze oder zu wenige Zuschüsse. Das ist, wie gesagt, nicht ganz falsch, aber eben nur die halbe Wahrheit. Egal, ob Leute zu wenig Geld haben, keinen Schulabschluss, im Gefängnis sitzen oder nicht Chef werden, es liegt, wenn man sie fragt, eigentlich nie an ihnen, es sind immer die Verhältnisse. Man hat niemals Fehler gemacht, man war niemals nicht gut genug. Dies ist mir im Laufe der Jahre aufgefallen, leider auch an mir selber.

In der letzten Zeit liest man viel über die Benachteiligung der Jungs. In der Schule fallen die Jungen zurück, bei den Noten, bei der Abiturientenquote, an der Uni. Statistiken beweisen es. Nun hat sich die Familienministerin Schröder zu Wort gemeldet. Sie hat sich dafür ausgesprochen, dass es mehr männliche Erzieher gibt, und mehr Lehrer. Jungen bräuchten Vorbilder, männliche Rollenmodelle. Es sollten auch mehr Jungs-Themen im Unterricht vorkommen, warum nicht mal ein Diktat über Fußball? Jungs sollten speziell gefördert werden. Jede Gruppe, die Probleme hat, wird speziell gefördert, jetzt also sind die Jungs an der Reihe.

Dieser Äußerung hat Alice Schwarzer heftig widersprochen. Die Probleme der Jungs hingen nicht mit fehlender Förderung oder falschen Unterrichtsstilen oder den nicht vorhandenen männlichen Vorbildern zusammen, sondern – vor allem – mit den falschen Vorstellungen von Männlichkeit, die sich im Kopf der Jungs befinden. Bei Problem-Jungs gelte es „als uncool, zu lernen, und als cool, zu pöbeln und Pornos zu konsumieren“.

Das ist, ich wiederhole mich, nicht ganz falsch, und doch wundert man sich. Denn vor ein paar Jahren, als vor allem über die Probleme von Mädchen und jungen Frauen diskutiert wurde, kam niemand auf die Idee, sämtliche Förderpläne und Quotenregelungen mit der schroffen Bemerkung zurückzuweisen, das Problem befinde sich vor allem im Kopf der Mädchen, ein falsches Frauenbild, die Mädchen müssten sich halt mehr Mühe geben, wenn sie Erfolg haben möchten.

Wir haben jetzt also, dank Alice Schwarzer, endlich eine, eine einzige Gruppe in unserer Gesellschaft, die an all ihren Problemen und ihren Misserfolgen selber Schuld hat und die keinerlei Förderung braucht. Es sind die Jungs. Ein Junge muss stark sein! Das ist total okay, wir wollen aber nicht die Einzigen sein.

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