Meinung : Gleiches Bild, andere Täter

Von Christoph von Marschall

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Im Irak spielt sich in diesen Wochen und Monaten eine kleine Revolution ab. Nur bleibt sie weitgehend unbemerkt. Denn am gewohnten Bild ändert sich nichts: blutige Gewalt. Doch das Täterprofil hat sich langsam verschoben. Die Feindschaft zwischen Sunniten und Amerikanern geht zurück, dafür wachsen die Spannungen mit den Schiiten. Die Zahl der Anschläge gegen die US-Armee ist gesunken, die Gewalt gegen irakische Zivilisten nimmt dramatisch zu.

Was vor wenigen Monaten noch eine gute Nachricht gewesen wäre, weckt heute keine großen Hoffnungen: Iraks Sunniten wenden sich allmählich von der Gewalt ab und versuchen, ihren Anspruch auf Teilhabe an der Macht im politischen Prozess durchzusetzen. Der Widerstand der Sunniten gegen die als Besatzer empfundene US-Armee war neben den Bombenattentaten der Al Qaida nahe stehenden „ausländischen“ Terroristen das beherrschende Problem der ersten zwei Jahre nach Saddams Sturz. Die sunnitische Minderheit war der Verlierer des Regimewechsels. Unter Saddam hatte sie die schiitische Mehrheit beherrscht. Also leistete sie Widerstand. Nun soll es inoffizielle Angebote an die Amerikaner geben, den Aufstand herunterzufahren. Je mehr Macht an Iraker übertragen wird, desto spürbarer wird der Einfluss der Schiiten auf Regierung, Parlament, Militär und Polizei. Viele Sunniten sehen in den USA den einzigen Schutz vor einer erdrückender Herrschaft der Schiiten, ihren Milizen und Mordkommandos. Die erste Wahl hatten die Sunniten noch boykottiert, zur jüngsten gingen sie in Scharen.

Nur wird dieser Teilerfolg der US-Politik völlig aufgezehrt durch den Machtanspruch schiitischer Gruppen, die immer gewalttätiger auftreten. Drei Jahre nach Saddams Sturz ist nicht mehr der sunnitische Widerstand die größte Gefahr für die Stabilisierung im Irak, sondern die Radikalisierung schiitischer Kräfte. Nun sehen deren Milizen in der US-Armee den Gegner, wenn die, zum Beispiel, Folterkeller des schiitisch geführten Innenministeriums aushebt oder gegen schiitische Todesschwadronen vorgeht. In einer internen Studie ordnen die USA keine einzige der neun schiitischen Südprovinzen als „stabil“ ein.

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