Glücksatlas 2013 : Wir unzufriedenen Migranten

Nie zufrieden und immer am Nörgeln: Der Berliner ist deutlich weniger zufrieden als der Durchschnittsdeutsche, sagt der neue Glücksatlas 2013. Doch was ist eigentlich ein Berliner, wenn nur ein Viertel der Bewohner dort geboren ist, fragt unser Kolumnist.

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Helmut Schümann - ein Berliner mit rheinischem Migrationshintergrund.
Helmut Schümann - ein Berliner mit rheinischem Migrationshintergrund.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ich bin auch Migrant. Ich habe einen rheinischen Hintergrund. Wir haben hier in Berlin auch Menschen mit schwäbischem Hintergrund, von denen sogar zu viele, sagen viele Leute. Es gibt aber auch ursprüngliche Bayern, Franken, Pfälzer, Türken, Saarländer, Friesen, Mecklenburger, Briten undundund. Ich kenne sogar eine reizende Holländerin.

Berlin ist das klassische Einwanderungsland. Von allen Menschen, die in Berlin leben, ist nur ein Viertel hier geboren. Es stellt sich die Frage, was ein Berliner ist, abgesehen vom mit Marmelade gefüllten Pfannkuchen. Die Frage stellt sich deshalb, weil die Deutsche Post gerade ihren „Glücksatlas 2013“ vorgestellt hat und in dem rausgefunden hat, dass die Berliner deutlich weniger zufrieden sind als der Durchschnittsdeutsche.

Der Durchschnittsdeutsche ist mit 7,0 ziemlich glücklich

Der Zufriedenheitsquotient der Berliner liegt bei 6,75 auf der Skala von Null bis Zehn. Der Durchschnittsdeutsche ist mit 7,0 ziemlich glücklich. Aber wenn es die Statistik doch sagt. Immerhin ist der Berliner mit Wohnung und Freizeit bis zu 7,0 zufrieden. Ist ja auch logisch, 170 Quadratmeter Altbau zum Spottpreis und jede Menge Kneipen um die Ecke.

Es war einmal der Spätzle-Streit
Rückblende in den Mai 2013: Der Berliner Schwaben-Krieg hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Unbekannte hatten in der Nacht zum Samstag auf eine Hauswand in der Nähe der jüdischen Synagoge in der Rykestraße mit blauer Farbe geschrieben: „Kauft nicht bei Schwab'n“ - ein Boykottaufruf, der an den Anfang der Judenpogrome der Nationalsozialisten erinnert.Weitere Bilder anzeigen
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05.05.2013 21:05Rückblende in den Mai 2013: Der Berliner Schwaben-Krieg hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Unbekannte hatten in der Nacht zum...

Dass der Berliner in diesem Punkt nicht hundertprozentig zufrieden ist, liegt an den Kohlen, die er immer hochschleppen muss und an seinem Naturell, das nie zufrieden ist und immer nörgelt und meckert. Wir vielen Zugezogene sind ja auch seinerzeit mit Waffengewalt aus unserer unzufriedenen Heimat in das schreckliche depressionsfördernde Berlin gezwungen worden.

Einmal schaudern, dann schnell zurück nach Castrop-Rauxel

In dem Zusammenhang ist es schon sehr erstaunlich, dass die Selbstmordrate in Berlin exakt so hoch ist wie im Deutschlandschnitt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass zum Beispiel wir Rheinländer unser sonniges Gemüt noch nicht ganz abgelegt haben und damit den notorisch griesgrämigen, schwermütigen Berliner statistisch hochziehen. Der ist ja auch der Grund, warum die Touristen aus aller Welt und aus ganz Deutschland in Scharen in diese unattraktive und lebensunwerte Stadt kommen. Das ist Elendstourismus in Reinkultur. Einmal schaudern, dann aber schnell wieder zurück nach Castrop-Rauxel.

Es kann natürlich auch sein, dass das Allensbach-Institut im Auftrag der Post nur ganz bestimmt Berliner gefragt hat, wie es ihnen in der Stadt ergeht. Mich zum Beispiel hat niemand gefragt. Wenn, hätte ich gesagt, dass ich mir gar nicht vorstellen könne, woanders zu leben, und das das allen so geht, die ich kenne. Aber wir sind ja nur Migranten.

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