Meinung : Gott fährt Fahrrad

Hurrikan „Katrina“ löst bei den Deutschen seltsame Reflexe aus

Henryk M. Broder

Die Amis können es keinem recht machen. Agieren sie wie ein global tätiges Unternehmen, dann verbreiten sie die „Arroganz der Macht“, halten sie sich zurück, drücken sie sich um die Verantwortung als letzte verbliebene Weltmacht. Liefern sie Lebensmittel in Hungerregionen, wollen sie nur ihre Überschüsse loswerden, liefern sie keine Lebensmittel, sind sie an den Katastrophen schuld. Fallen sie im Irak ein, haben sie ihre Erdölinteressen im Visier, machen sie mit den Saudis Geschäfte, statt das Regime in Riad zu stürzen, sind ihnen die Menschenrechte egal. Gehen sie jeden Sonntag zur Kirche, lehnen die Homo-Ehe und die Idee der Evolution ab, sind sie für die aufgeklärten Europäer (die ihrerseits nur darauf warten, dem Papst zujubeln zu können) Hinterwäldler, Fundamentalisten und Reaktionäre. Dieselben Amerikaner gelten den Islamisten als gottlose Götzenanbeter. Die Menge der nachgeschobenen Begründungen für die Terrorakte vom 11. September 2001 („Wer Wind sät, wird Sturm ernten“), ist inzwischen so gewaltig, das man damit einen Katechismus für USA-Hasser füllen könnte.

Jetzt hat der Hurrikan „Katrina“ die Rolle von Osama bin Laden und Mohammed Atta übernommen. Es handelt sich um einen Fall von höherer Gerechtigkeit, eine Intervention, die man nicht mit der Armut in der Dritten Welt oder der Verzweiflung der Ausgebeuteten erklären muss. Es reicht ein Satz „Die Natur schlägt zurück!“ – und ein einvernehmliches „So isses!“ stellt den gesellschaftsübergreifenden Konsens her. Von Umweltminister Jürgen Trittin, der als Erster den Amerikanern ihre Umweltsünden vorgerechnet hat, bevor er in einem Postscriptum doch noch ein paar Worte des Mitgefühls fand, über den Verschwörungstheoretiker Mathias Broeckers, der sich in seiner 2001-Nische täglich die Händchen reibt, bis zu der Hausfrau aus Chemnitz, die folgenden Leserbrief an eine große Tageszeitung schrieb: „Man sollte bei allen Schreckensszenarien nicht vergessen, dass die USA bewusst zu den größten Umweltsündern der Erde gehören. Schließlich sind die Autos, mit denen sich die Menschen aus New Orleans quälen, zum Teil mit Motoren ausgestattet, die locker 18 Liter schlucken. Man könnte, wäre man gläubig, fast von einer Strafe Gottes reden.“ Denn Gott fährt in der Regel Fahrrad, und nur wenn er es eilig hat, steigt er auf ein Moped um.

So etwas fällt im Jahre 2005 in Deutschland nicht unter den Tatbestand der Gotteslästerung, es ist nur ein Ausdruck kritischen Bewusstseins, das inzwischen auch die Klientel von RTL 2 und Pastor Fliege erreicht hat. Jeder Stammtisch kennt derzeit nur ein Thema: Wieso schaffen es die Amis nicht, mit der Flut fertig zu werden? Sie können doch Raketen zum Mars schicken. Und Gerhard Schröder nutzt sogleich die Gelegenheit, im TV-Duell vor einem schwachen Staat zu warnen, der solchen Krisen nicht gewachsen ist.

Man könnte allerdings auch fragen, was bei uns los wäre, wenn ein Sturm mit fast 300 Stundenkilometern über Deutschland gerast wäre und eine mittlere Stadt wie Hannover oder Stuttgart verwüstet hätte. Dann wäre wohl, noch vor dem Ende des Unwetters, das Technische Hilfswerk ausgerückt, um zuerst Dämme und gleich danach Notunterkünfte für Hunderttausende zu bauen, dann würden die „Toten Hosen“ ins Katastrophengebiet rasen und ein Solidaritätskonzert geben, dann würde Kanzler Schröder sofort und nicht erst nach drei Tagen seinen Urlaub unterbrechen und die Leitung der Hilfsmaßnahmen übernehmen. Und dann würde es Schokoriegel und Bioäpfel vom Himmel regnen.

Leider war es nicht ganz so, als vor drei Jahren die Elbdämme brachen, obwohl diese Katastrophe verglichen mit der von New Orleans eine Lappalie war. Auch damals wurde den Behörden vorgeworfen, dass sie schlecht vorbereitet waren und zu spät reagierten, auch damals wollten viele ihre Häuser nicht verlassen, und es gab einzelne Fälle von Plünderungen. Heute titelt eine Boulevardzeitung: „100 000 flehen um Hilfe, Bush schaut zu!“ Und ein Radio-Kommentator sagt: „Die letzten Reste des menschlichen Anstands fielen der Natur zum Opfer.“

Inmitten einer Katastrophe „menschlichen Anstand“ zu bewahren, scheint das Gebot der Stunde zu sein. Es ist okay, wenn sich die Menschen bei Lidl um günstige Bahnkarten raufen, aber wenn sie nichts zu essen und nichts zu trinken haben und deswegen shoppen, ohne zu bezahlen, dann ist das die Bankrotterklärung der amerikanischen Gesellschaft, wenn nicht gar ein „Zivilisationsbruch“. Nicht zufällig werden in Deutschland Eigentumsdelikte schwerer bestraft als Körperverletzung.

Und nur zur Erinnerung, weil sich der Glaube an die globale Erwärmung als Ursache allen Übels inzwischen wie Feinstaub im Bewusstsein festgesetzt hat: Im Februar 1953 wurden bei der schlimmsten Flutkatastrophe seit 500 Jahren etwa 20 Prozent der Niederlande überflutet, Tausende von Menschen ertranken.

Da war George W. Bush noch ein Kind und das Hollandrad das meistbenutzte Verkehrsmittel. Der Natur war das egal. Sie hat kein Gespür für menschlichen Anstand.

Der Autor ist „Spiegel“-Reporter.

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