Meinung : Gott will keine Opfer

„Unschuldslamm und Sündenbock“

vom 28. März

Götter fordern Opfer. Muss das sein? Es ist so gewesen. Seit dem öffentlichen Auftreten des Nazareners aber sollte das vorbei sein, ich sehe es wie Frau Fetscher. Die dringende Anfrage an die Kirchliche Dogmatik ist berechtigt, ein neues Verständnis der Bekenntnisschriften, etwa des Apostolischen Credo, ist überfällig. Jesu Auffassung von Sünde und Vergebung ist frei vom archaischen Sühnegedanken. Der Gottessohn müsste die ihm für „das Jüngste Gericht angetragene Rolle des verurteilenden Richters über Unzählige“ verweigern! Ich sage: Überraschen wird er alle „Im Himmel wie auf Erden“, die ihm diese Rolle zumuten. Vielmehr wird er sein Reich der grenzenlosen und bedingungsfreien Liebe endgültig in Kraft setzen. Woher ich das weiß? Ich erhoffe es.

Klaus Feierabend, Pfr. emer.,

Berlin-Hakenfelde

„Du Opfer!“ – in der Jugendkultur ist das schon seit geraumer Zeit die gängige Beschimpfung für einen vermeintlichen Versager oder Loser, frei von jeglicher Empathie für eventuell erlittenes Leid des anderen. Es geht einzig allein darum, das Gegenüber in hohem Maße abzuwerten und verächtlich zu machen. Den Opferstatus gilt es folglich um jeden Preis zu vermeiden. Kaum verwunderlich, ja fast zwangsläufig, dass in einer solchen „Kultur“ die Kirchen mit ihrer Botschaft von Jesus als Opfer am Kreuz kaum landen können. Schon 2005 hatte die Sinusstudie zu den kirchlichen und religiösen Orientierungen in der Gesellschaft festgestellt, dass in den jungen und experimentellen Milieus – sofern dort Glauben und Religion überhaupt noch eine Rolle spielen – die Irritation über die Fixierung auf Jesus als den Gekreuzigten groß ist. Der Trend hat sich seitdem noch verstärkt. Die Anfrage dieser Kreise lautet: Warum stellen die Kirchen Jesus so wenig als den Revolutionär und „Performer“ dar, der die Eliten seiner Zeit attackiert und die religiösen und gesellschaftlichen Verkrustungen aufbricht? Jesus als Vorläufer der Attac-Bewegung und keinesfalls als Opfer.

Zu diesen eher soziologischen Aspekten treten noch gewichtige theologische Argumente. Nicht erst Bischof Huber hat mit dem irrigen Bild eines Gottes aufgeräumt, der zur Besänftigung seines Zorns Opfer braucht, womöglich gar das Opfer seines eigenen Sohnes. Schon das Alte Testament ist voll von prophetischer Opferkritik. Im Buch des Propheten Amos lautet ein Wort Gottes: „Eure fetten Opfer will ich nicht sehen, weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören. Lasst lieber das Recht strömen wie Wasser und die Gerechtigkeit wie einen immer fließenden Bach!“ (Am 5,22 ff.) Eine Fülle weiterer Zitate ließe sich anführen. Gott will keine Opfer, sondern Menschen, die Gerechtigkeit tun!

Sollten die Kirchen also die grausame Kreuzigung Jesu – wie von Caroline Fetscher vorgeschlagen – besser nicht mehr weitererzählen? Entschieden Nein! Unter Berufung auf Paulus können sich Christen von der Verkündigung Jesus, und zwar als den Gekreuzigten, nicht verabschieden (vgl. 1 Kor 1,23). Es kommt allerdings darauf an, den Sinn des Kreuzestodes Jesu richtig zu erfassen. Der leider zu früh verstorbene Innsbrucker Dogmatiker Raymund Schwager hat inspiriert durch den französischen Literaturkritiker René Girard eine andere Deutung des Kreuzestodes als die einer geschuldeten Sühneleistung vorgelegt. Girard hat sich intensiv mit dem Phänomen der Gewalt beschäftigt und der Frage, warum Menschen immer wieder, meist zufällig und ohne objektiven Grund zu Sündenböcken und Opfern gemacht werden. Bei Jesus gibt es allerdings einen entscheidenden Unterschied: Er wurde nicht zufällig Opfer, sondern notwendig. Der Grund liegt in seinem hoheitlichen Anspruch, Gottes Sohn zu sein. Die Evangelien berichten von der stetig wachsenden Feindschaft gegen Jesus, von der Zusammenrottung seiner Gegner, einzig aus diesem Grund. Es gipfelt zwangsläufig am Karfreitag im Verhör vor dem Hohen Rat der Schriftgelehrten. Als Reaktion auf das Messias-Bekenntnis Jesu zerreißt der Hohepriester sein Gewand und ruft: „Er hat Gott gelästert. Er ist schuldig und muss sterben.“ (Mt 26,65) Jesus hatte es geahnt: Im Gleichnis von den bösen Winzern (Mk 12,1-12) deutet er mit den Worten der Winzer, die den Weinberg nicht mehr hergeben wollen, sein eigenes Schicksal an: „Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn töten, dann gehört sein Erbgut uns.“ Das ist die Prometheus’sche Dimension des Dramas: der Mensch als Rebell gegen die Götter. Zutiefst im Herzen des Menschen sitzt ein Groll gegen Gott. Auf Jesus als Gottes Sohn kann sich dieser Groll entladen. Doch anders als im Mythos von Prometheus, verzichtet Gott auf Rache und durchbricht die Spirale der Gewalt. Es gibt keine zweite Sintflut. Stattdessen die Erlösung des Opfers aus den Fesseln des Todes. Gott in seiner unendlichen Duldsamkeit muss nicht besänftigt werden. Gleichwohl, auch heute noch gibt es Menschen, die glauben, durch Töten Gott einen Dienst zu erweisen. Um mit diesem Irrtum ein für alle Mal aufzuräumen, muss die Geschichte des unschuldig gefolterten und am Kreuz hingerichteten Nazareners weitererzählt werden. Damit sich unschuldige Opfer eben nicht wiederholen. Und als warnendes Lehrstück: Wer immer noch an einen zu besänftigenden rachesüchtigen Gott glaubt, projiziert nur die eigene untergründige Gewalt auf Gott.

Anders als die eingangs angeführte Jugendkultur zeigt Gott Empathie. Er steht auf der Seite der Opfer. Das ist die Botschaft von Ostern.

Hans-Joachim Ditz, Dipl.-Theol.

Geschäftsführer des Diözesanrats

der Katholiken im Erzbistum Berlin

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