Meinung : Greifen alle Umbaupläne für die City West zu kurz?

Foto: promo
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„Campus in Not“ vom 14. Februar

Die „gesunde Berliner Mischung“ aus Wohnbauten, Bürogebäuden und Geschäftshäusern ist immer das Rezept der Planer, wenn ihnen sonst nichts mehr einfällt. Und so sieht das im Modell dargestellte Konzept auch aus: Eine schon x-mal gesehene Ansammlung von verschiedenen Baublöcken mit ein paar wahllos verteilten Hochhäusern ohne zwingenden Sinn oder gar Bezug zu den umliegenden Stadtquartieren.Nehmt das Ganze und stellt es irgendwo nach Gelsenkirchen, Warschau oder Kuala Lumpur, es wird nirgends auffallen und sich dort genauso gut oder schlecht einordnen.

Hier fehlt, wie andernorts in Berlin ebenfalls, ein überzeugendes Konzept, das den Architekten allein nicht überlassen werden kann, sondern einer sorgfältigen konzeptionellen Planung aller Beteiligten und Betroffenen bedarf. Damit würden auch die berechtigten Anliegen der Technischen Universität als ein wichtiger Baustein ihre Berücksichtigung finden. Merke: Ein paar Hochhäuser sind noch keine Renaissance der (West-)Berliner Innenstadt!

Dieter W. Schneider, Berlin-Lankwitz

Sehr geehrter Herr Schneider,

sie haben mit Ihrem Leserbrief den Nagel auf den Kopf getroffen. Die von den Architekten Kleihues jr. und Mausbach angestoßene Diskussion über die Nutzung des sogenannten Ostgeländes von TU und UdK ist unsinnig und ärgerlich. Sie geht von falschen Voraussetzungen aus, ihr fehlt ein überzeugendes Konzept für eine nachhaltige Entwicklung, sie negiert eine in 2010 erst abgeschlossene, gründliche Planung für dieses Gelände und sie ignoriert dessen Entwicklungschancen. Beide Herren meinen, dass die TU bei Raumbedarf nach Tegel ausweichen könne. Das lag im Jahre 2010 nahe, als die Einstellung des Flugbetriebes und die Nachnutzung des Geländes als Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort für urbane Technologien realisierbar schien. Die Zeit ist darüber hinweggegangen. Ein endgültiger Eröffnungstermin des BER ist nicht absehbar. Damit ist auch die Nachnutzung von Tegel in weite Ferne gerückt. Wegen der immer weiter steigenden Kosten für BER, Investitionsbedarfe von Charité, Vivantes, Staatsoper, innerstädtischem Straßennetz usw. dürfte Berlin für Tegel kein Geld mehr haben.

Technische Universitäten und Fachhochschulen wurden und werden zur Steigerung der Wirtschaftskraft eines Standortes gegründet. Deshalb ist die TU Berlin für Charlottenburg lebenswichtig. Sie hat zwischen 2006 und 2011 durch die Reformen in meiner Amtszeit eine Steigerung ihres Drittmittelvolumens um mehr als 90 Millionen Euro (das ist kein Berliner Geld!) erzielt, d. h. ca. 1800 neue Arbeitsplätze für junge Wissenschaftler geschaffen. Wegen der hoch qualifizierten Absolventen und der Attraktivität der TU-

Wissenschaftler suchen etablierte Unternehmen die Nähe der TU, wie z. B. die Telekom-Laboratorien am Ernst-Reuter-Platz zeigen. Nach einer Studie des DIW im Jahre 2008 ermöglicht das Wissenskapital, das die TU ständig produziert, jährlich etwa 800 Millionen Euro Einkommenszuwächse in Deutschland, wovon etwa 200 Millionen Euro direkt in Berlin wirksam werden. Eine Befragung von Ausgründern aus der TU in 2009 ergab, dass bei den befragten Unternehmen rund 14 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig sind, die einen Umsatz von 766,5 Millionen Euro jährlich erwirtschaften. Das Bundeswirtschaftsministerium zeichnete in 2011 die TU wegen ihrer großen Erfolge in der Unternehmensgründung als eine von drei deutschen Universitäten mit dem Prädikat „Gründeruniversität“ aus. Folglich bestand Einigkeit bei der Planung des Umfeldes von UdK und TU im Rahmen der Entwicklung der City West, dass das „Ostgelände“ für Wissenschaft und Wirtschaft vorzusehen ist. Der Campusbereich sollte sich auch weiter nach Norden und Westen erstrecken, so dass eine vitale Region mit einer guten Mischung von moderner Wissenschaft, innovativer Industrie, Medien, Kunst, Leben und Wohnen entsteht. Eben halt: Charlottenburg-Valley. – Wie ein Unternehmen auch, braucht eine Technische Universität eine räumliche Reserve, um auf wachsende Studierendenzahlen und gesteigerte Drittmittel sowie den stetigen Wandel in der Wissenschaft reagieren zu können – und diese bereits sehr knappe Reserve ist das Ostgelände. Nimmt man TU und UdK das Gelände, so „ersticken“ sie in Platznot.

Meine Argumente richten sich nicht gegen eine Öffnung des Geländes. Die Universitäten sind Teile der Stadt. Sie müssen künftig einer breiten Öffentlichkeit zugänglicher gemacht werden. Dazu gab es schon eine Reihe von Gesprächen mit Senatsbaudirektor Hans Stimmann sowie seiner Nachfolgerin, Regula Lüscher. Über die Öffnung der Hertz-Allee als Sichtachse zwischen Bahnhof Zoo und Otto-Suhr-Allee wurde ausführlich diskutiert. Unsere Mitbürger sollen nicht nur in der „Langen Nacht der Wissenschaften“ sehen, dass auf dem Gelände spannende Wissenschaft zum Nutzen aller betrieben wird. Aber Berlin braucht Innovationen und moderne, produzierende Arbeitsplätze mehr als Wohnungen, die ein Bürger mit Durchschnittseinkommen nicht bezahlen kann. Man sollte die Pläne von und Herrn Kleihues und Herrn Mausbach ad acta legen.

— Der Mathematiker Prof. Kurt Kutzler

war von 2002 bis 2010 Präsident der TU Berlin.

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