Meinung : Grenzen der Solidarität (5): Positionen: Appeasement bis zum bitteren Ende

Henryk M. Broder

Wenn es etwas gibt, auf das man sich mit letzter Sicherheit verlassen kann, dann ist es der deutsche Katastrophismus. Alles, was schief gehen kann, muss schief gehen, damit sich die apokalyptischen Sehnsüchte erfüllen. Bleibt die Katastrophe wider Erwarten aus, kommt es zu einem schweren Katzenjammer, der nur von der Aussicht auf das nächste Unheil geheilt wird.

Als ich im Sommer 1990 nach Berlin kam, war die Mauer schon gefallen, aber die DDR gab es noch. Der "Beitritt" der DDR zur Bundesrepublik war beschlossene Sache, nur noch nicht vollzogen. "Es wird eine Katastrophe werden", raunten gute Freunde und überlegten, wohin sie auswandern wollten, Hauptsache weit weg, nach Australien oder Südafrika, denn die Toskana oder das Kleinwalsertal waren keine sicheren Zufluchtsorte, das größer gewordene Deutschland würde noch größer werden und die Geflohenen überrennen.

Die schönste aller Ängste

Auf vielen Mauern sah ich Graffiti wie: "Kein 4. Reich!" und "Nie wieder Deutschland!" Ich fand das nicht nur seltsam, ich fand es krank. Nachdem das "Vierte Reich" ausgeblieben war, konzentrieren sich die Ängste und die Hoffnungen auf den "Dritten Weltkrieg". Das war schon zur Zeit des Golfkrieges so, als über dem Portal der Humboldt-Universität ein Banner mit der Frage hing, wann "wir" bombardiert würden. Und es ist noch immer die schönste aller Ängste, die zur Auswahl stehen.

Die ansonsten ja besonnene und gar nicht zur Panik neigende Christa Nickels warnt im Tagesspiegel angesichts der Möglichkeit einer US-Intervention im Irak vor der "Gefahr einer Eskalation bis hin zum Weltkrieg" und fordert: "Die deutsche Bündnistreue darf keine blinde Nibelungentreue sein." Das klingt gut und wird jeden alternativen Studienrat, der "Greenpeace" mit Spenden unterstützt, zu einem affirmativen Kopfnicken veranlassen. Nur: Zu einem Weltkrieg gehören mindestens zwei Global Player. Wer soll sich den Amerikanern in den Weg stellen? Die Schweizer Garde des Vatikans oder die deutsche Friedensbewegung?

Bis jetzt kann niemand sagen, was die Amerikaner vorhaben oder nicht vorhaben. Dennoch wiederholt sich das Szenario, das wir gleich nach dem 11. September erlebt haben. Es hagelt Ermahnungen, Ratschläge und Warnungen. Alle wissen, was man nicht tun sollte. Am besten und am sichersten wäre es, nichts zu tun und derweil die Ursachen des Terrors zu beseitigen, als Erstes die Armut in der Welt. Auch ich fände das eine gute Idee, habe aber meine Zweifel, ob eine Gesellschaft dazu in der Lage ist, die es nicht einmal schafft, in den eigenen vier Wänden die Arbeit gerecht zu verteilen.

Während die meisten Menschen aus Sorge um den Frieden bereit wären, sogar ihre letzte Curry-Wurst mit den Hungernden in Afrika und Asien zu teilen, sind sie nicht bereit, auch nur auf einen Bruchteil ihres Einkommens zu verzichten, um den Habenichtsen nebenan zu helfen. Und was für ein Sturm der Empörung würde losbrechen, wenn tatsächlich eine, sagen wir, zehnprozentige Soli-Abgabe auf das Einkommen zugunsten der Armen in der Welt eingeführt würde? So reduziert sich der Kampf gegen den Terror allein auf verbale Leistungen. Alles soll anders werden, aber es soll sich nichts ändern.

Was den Irak angeht, der übrigens auch mit deutscher Hilfe hochgerüstet wurde, ohne dass es dagegen nennenswerten Widerstand in der Öffentlichkeit gab, gibt es nur zwei Optionen: intervenieren oder gewähren lassen. Beide Optionen bedeuten ein unkalkulierbares Risiko. Eine Intervention kann gewaltig schiefgehen, aber eine Nicht-Intervention kann auch mit einem Desaster enden, wenn der Irak nicht rechtzeitig entwaffnet wird. Nicht nur in der Medizin ist das Risiko bei einer Unterlassung oft größer als bei einem Eingriff. Die deutsche Öffentlichkeit scheint sich entschieden zu haben - für die aktive Passivität.

Das einzig Tröstliche an dieser Entscheidung ist, dass sie die Stimmung in Europa - mit Ausnahme Englands - wiedergibt. Aber das ist ein schwacher Trost, denn Abwarten und Nichtstun war schon immer eine Lieblingsbeschäftigung der Europäer angesichts großer Gefahren. Sie haben die vertragswidrige Remilitarsierung des Rheinlands hingenommen, die Tschechoslowakei geopfert, den Anschluss Österreichs akzeptiert, sie haben sich mit Franco und Salazar arrangiert, den griechischen Obristen die Hand zum Gruße gereicht und für Milosevic den roten Teppich ausgerollt.

Die Europäer waren nicht imstande, aus eigener Kraft den Jugoslawien-Konflikt zu lösen. Und wenn es ernst wird, rufen sie die Amerikaner zu Hilfe, um sich hinterher darüber zu beschweren, dass die Amis als arrogante Weltpolizei auftreten. Appeasement bis zum bitteren Ende ist eine Disziplin, in der die Europäer jeden Wettbewerb gewinnen können.

Wer lernt aus der Geschichte?

Hätten nicht die Amerikaner und die Sowjets interveniert, würden NS-Truppen heute noch immer unter dem Triumphbogen in Paris ihre Paraden abhalten. Es sieht aus, als wären die primitiven Amerikaner, die einen gotischen Torbogen von einem romanischen Fensterrahmen nicht unterscheiden können, die Einzigen, die aus der europäischen Geschichte gelernt hätten.

Während die Europäer ihre Kräfte in einer ebenso lächerlichen wie kraftlosen Aktion gegen Österreich bereits verbraucht haben. Mit der verbliebenen Restenergie diskutieren sie nun, wo die Bündnistreue aufhört und die Nibelungentreue anfängt. Und warten gemütlich den nächsten Weltkrieg ab.

Der Autor ist Reporter beim "Spiegel". Im Berlin Verlag ist eben sein Buch "Kein Krieg, nirgends - Die Deutschen und der Terror" erschienen.

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