Griechen und Türken : Zeit für Wunder

Keine neuen Verträge, keine Wirtschaftsvereinbarungen in Milliardenhöhe, keine bahnbrechenden Grundsatzeinigungen: Beim Besuch des griechischen Ministerpräsidenten Kostas Karamanlis in der Türkei fehlt alles, was normalerweise als Zeichen einer erfolgreichen Visite gilt. Doch bei „Erbfeinden“ gelten andere Maßstäbe.

Thomas Seibert

Fast ein halbes Jahrhundert hat es seit dem letzten offiziellen Besuch eines griechischen Premiers in Ankara gedauert – schon allein deshalb verdient der Abstecher von Karamanlis nach Ankara das Attribut „historisch“. Noch vor zehn Jahren wäre ein solcher Besuch unmöglich gewesen. Inzwischen schaffen Griechen und Türken das damals Unmögliche. Karamanlis selbst erwähnte die deutsch-französische Aussöhnung, die vielen wie ein Wunder vorkam. Jetzt sind Griechen und Türken dabei, eigene Wunder zu vollbringen.

Karamanlis und Gastgeber Recep Tayyip Erdogan stellten fest, dass ihre Positionen im Hoheitsstreit in der Ägäis und beim Zypernkonflikt nach wie vor weit auseinander liegen. Auch an der schwierigen Lage der griechisch-orthodoxen Christen in der Türkei konnte Karamanlis nichts ändern. Anders als in der Vergangenheit gibt es bei Griechen und Türken aber heute den Willen, diese Probleme zu lösen. Nicht, weil sie plötzlich von Gefühlen der Brüderlichkeit überwältigt worden sind. Sondern weil sie erkannt haben, dass sie einander brauchen.

Ohne die Griechen kommen die Türken nicht in die EU, und ohne eine europäisch disziplinierte Türkei kann Griechenland nicht auf Ruhe und Stabilität in der Ägäis hoffen. Karamanlis selbst brachte das auf den Punkt: Mit Gemeinsamkeit könnten Griechen und Türken viel gewinnen, sagte er – mit Spannungen könnten sie aber noch viel mehr verlieren. Das ist der realpolitische Kern der griechisch-türkischen Annäherung.

Um den Schwung des historischen Karamanlis-Besuches zu erhalten, müssen jetzt konkrete Taten folgen. Dabei sind zuallererst die Türken gefragt. Seit mehr als drei Jahrzehnten darf die griechisch-orthodoxe Kirche in der Türkei keine Priester mehr ausbilden, die Kirche wird in wenigen Jahren vor dem Aus stehen. Erdogan deutete an, diese Ungerechtigkeit beseitigen zu wollen. Wenn er entsprechend handeln sollte, wäre das ein neuer großer Fortschritt bei der griechisch-türkischen Aussöhnung – und aus heutiger Sicht auch ein kleines Wunder.

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