Großbritannien : Radikale im Parlament – und davor

Die Briten streiten bei der Studienreform über das Verhältnis zwischen Bürger und Staat. Die Studiengebühren sind Schauplatz der Auseinandersetzung darüber, was für eine Gesellschaft Großbritannien sein will oder, angesichts der reduzierten Finanzmittel, noch sein darf.

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Briten sind vernünftige Leute. Lohnstopp im öffentlichen Dienst, drakonische Kürzungen der Sozialleistungen – wo die bloße Ankündigung Franzosen auf die Straße getrieben hätte, gingen sie weiter ihrer Wege. Seit sich die Koalition aus Tories und Liberaldemokraten entschlossen an die Staatsreform machte, wusste sie die Nation hinter sich.

Der Streit um die Studienreform hat diese Gelassenheit erschüttert. Anarchisten verbeulten die Staatskarosse des Thronfolgers, Demonstranten pinkelten an Churchills Statue und attackierten, der schlimmste Frevel gegen nationale Symbole, Pferde der Polizei. Nicht einmal bei den revolutionären „Kopfsteuer-Krawallen“ 1990 ging der nationale Konsens verloren. Und die Polizei warnt: Es wird mehr Krawall geben.

Die Studiengebühren sind Schauplatz der Auseinandersetzung darüber, was für eine Gesellschaft Großbritannien sein will oder, angesichts der reduzierten Finanzmittel, noch sein darf. Hinter dem Ruf „Bildung ist kein Privileg, sondern ein Recht“ steht das Ideal des sozialen Versorgungs- und Anspruchsstaates, das zur Debatte steht. Der Streit geht tief, denn die Heftigkeit der Straße spiegelt die Zerrissenheit der Politik. Nicht nur die Liberaldemokraten waren scharf gespalten, auch bei den Tories gab es Rebellen, und Labours Nein war schierer Opportunismus. Labour selbst führte ja die Studiengebühren 2002 ein.

Der Streit geht so tief, weil die Reform die Beziehungen zwischen Bürger und Staat neu definiert und selbstverständlich gewordene Erwartungen an den Sozialstaat aufhebt. Bis in die 80er Jahre war Studieren in Großbritannien in der Tat ein Privileg – für die Reichsten und die Klügsten. Die Unis wählten, wen sie zulassen wollten, der Staat bezahlte den Armen den Lebensunterhalt. Studentenzahlen waren niedrig, Abbrecherquoten noch niedriger. Aber als Hochschulbildung zum „Recht“ wurde und sich die Studentenquote dem Traumziel von 50 Prozent näherte, wurde die Sache unbezahlbar. Das Geld wurde knapp, die Qualität der Unis und die Motivation der Studenten sank. Aus unabhängigen Unis waren Fabriken einer staatlichen Bildungsindustrie geworden. Und es wurde immer fragwürdiger, Steuerzahlern aus niedrigen Einkommensgruppen die Kosten dafür aufzuhalsen.

Die Verdreifachung der Gebührenobergrenze soll das Reformziel erfüllen, dass der Preis in einem Gebührenwettbewerb die Qualität des Studiums reflektiert. Studenten als Verbraucher, nicht die Staatsbürokratie, bestimmen, wo das Geld hinfließt. Studenten entscheiden selbst, was ihnen welches Studium wert ist und wie viel Staatskredit sie dafür wollen. Da nicht die Studenten, sondern die späteren Akademiker bezahlen und nur, wenn sie genug verdienen, sei die Reform sozial gerecht, argumentiert die Koalition.

Briten verstehen, wie radikal das Konzept ist, Verantwortung vom Staat an den Bürger zurückzugeben. Funktioniert es, könnte man auch die Kostenbeteiligung im Gesundheitssystem einführen. Die Härte der Auseinandersetzung zeigt, wie riskant das Reformexperiment ist. Doch nicht Krawalle, nur die Praxis in den Unis entscheidet, ob es etwas taugt.

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