Meinung : …Großbritannien

Matthias Thibaut

über den Wunderknaben, das Schlachtross, den Wolf im Schafspelz: Tony Blair Hat Tony Blair je an Rücktritt gedacht? „Nie“, kam die Antwort, als der Premier sich diese Woche mit einer Pressekonferenz in die Ferien verabschiedete. Und noch lange nicht. Letzte Woche stand er noch auf der Abschussliste. Nun will er die jüngste Flut von „Fünf-Jahres- Plänen“ noch persönlich durchsetzen. Nicht einmal Schatzkanzler Gordon Brown, sein Rivale, könnte ihn hindern. Wie ein Fakir schwebt Blair über dem Nagelbrett seiner Leiden, schmerzlos und unverwundbar, und hat nun sogar wieder das alte, beseelte Lächeln auf dem Gesicht.

Zehn Jahre steht er an der Spitze der Labour Party, sieben davon als Premier, und ist den meisten Briten immer noch ein Rätsel. Wer ist Tony Blair? Noch Jahre wird diese Diskussion anhalten. Erst umjubelter Wunderknabe, dann kampferprobtes Schlachtross, und dabei immer der Gleiche geblieben. Heftig angefeindet, nicht nur wegen Irak. Die Mehrheit der Briten – 54 Prozent nach der jüngsten Umfrage – hat das Vertrauen in ihn verloren. Trotzdem würden sie keinen lieber zum Premier wählen als ihn. Kein Zweifel, dass Blair bei aller Kritik auch in der Labourpartei breite Akzeptanz hat – unter Augenrollen und Zähneknirschen. „Tony ist eben Tony“, sagen die Genossen, als sei das die ganze Erklärung. Und vielleicht ist es sie ja auch. Einig waren sich die meisten, die diese Woche dem Rätsel Blair auf der Spur waren, dass er keiner Ideologie, keiner Clique, keiner Zeitung, vielleicht sogar keiner Partei verpflichtet ist – nur sich selbst. Gerne wird er als versteckter Konservativer dargestellt, ein Wolf im Schafspelz, der die Labour Party gehijackt hat, um Frau Thatchers Agenda fortzuführen.

Aber er glaubt ja nicht nur, dass jeder für sein eigenes Leben verantwortlich ist. Sondern nach New-Labour-Art glaubt er eben auch, dass die gut geregelte Gemeinschaft der Weg zum menschlichen Glück ist. Ob es gegen Saddam Hussein geht oder die Trunkenbolde, die am Wochenende Großbritanniens Innenstädte unsicher machen, Blairs Aufgabe ist immer die gleiche: „Das Richtige tun.“ Was das ist, das ist für ihn, wie für einen guten Pfadfinder, gar keine Frage. „Vertraut mir“, sagt er, die geborene Führernatur. Unerschütterlicher Glaube an sich selbst ist sein größtes Kapital. Und Vertrauen in die eigenen Instinkte, mit denen er, wie ihm der Romanschriftsteller Robert Harris bescheinigte, die Gezeitenströme der Stimmungen und Meinungen „mit der Empfindsamkeit einer Qualle“ erspürt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar