Meinung : …Großbritannien

Matthias Thibaut

über das Nachdenken eines Landes über sich selbst Seit den Bombenanschlägen vom Juli hängen in London Fahnen mit der Aufschrift „7 Millionen Londoner – 1 London“. Bürgermeister Ken Livingstone wirbt, wo er kann, für die Multikulti-Weltstadt. Andere glauben, dass dies eine Chimäre ist. Trevor Phillips zum Beispiel, Vorsitzender der britischen „Kommission für Rassengleichheit“. Er warnte nun dramatisch vor schwindender Integrationsbereitschaft und „schwarzen Löchern“ in englischen Innenstädten – wie in New Orleans. „Schlafwandlerisch“ werde Großbritannien zu einer Apartheidgesellschaft.

Ist Phillips nun ein Panikmacher, der, wie etwa der „Economist“ behauptet, die Statistiken der Sozialwissenschaftler missversteht, oder hat der schwarze Guyanese eben feinere Antennen für die britische Multikulti Gesellschaft? Schon öfter lenkte Phillips kontrovers den Blick auf die repressiven Aspekte des multikulturellen Laissez-faire. Wer Unterschiedlichkeit und Eigenständigkeit über Gemeinsamkeit stellt, behindere Integration, argumentierte Phillips und zettelte damit eine britische „Leitkulturdebatte“ an. Nachdenken über „Britishness“ ist seitdem eine Lieblingsbeschäftigung der Politiker.

Nun ging er noch weiter und forderte eine neue „Straßenverkehrsordnung“ für den Umgang der Rassen und Religionen. Ob es wirklich der Integration diene, wenn Kommunen ihre Bürgerinformationen in sechs, sieben Landessprachen veröffentlichten, fragte er polemisch. Was habe das Gericht für die Integration getan, das einem Muslimmädchen erlaubte, sich in der Schule total zu verschleiern? Soziologen widersprechen ihm. In Wahrheit sei die Integration mit dem Wohlstand gewachsen; seien etwa die britischen Juden schlecht integriert, weil 52 Prozent von ihnen in Nordlondon wohnen? Liberale sehen die Partizipation an gesellschaftlichen Chancen als bestes Integrationsinstrument. Doch Phillips will, und das ist nun wirklich kontrovers, eine Manipulation des sozialen Mix – vor allem in Schulen.

Katholische oder anglikanische Schulen sind seit Jahrzehnten unumstritten. Doch nun kommt die staatliche Unterstützung für  Muslimschulen von allen Seiten unter Beschuss. Kann man aber „weiße“ Schulen zwingen, einen bestimmten Prozentsatz von  Schülern ethnischer Minderheiten – oder Konfessionsschulen, einen Anteil von Schülern anderer Konfessionen aufzunehmen? Kaum vorstellbar. Dabei weiß jeder Brite vom Beispiel Nordirlands, wie tief die Glaubenstrennung in den Schulen diese Gesellschaft gespalten hat.

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