Meinung : Großer Wahn, sanfter Fall

Das Urteil gegen die Haffa-Brüder ist nicht mild – aber auch keine Abrechnung

Henrik Mortsiefer

Alles läuft super!“ Diesen Satz dürfte Thomas Haffa bereuen. Am Dienstag wurde der Ex-Vorstand des Medienunternehmens EM.TV vor dem Landgericht München dafür verurteilt, dass er wider besseren Wissens Sätze wie diesen zum Besten gegeben hat. Im Sommer 2000 zum Beispiel, als die New Economy noch boomte und nur wenige Skeptiker warnten, es könne bald zu Ende sein mit der Party am Neuen Markt.

Thomas Haffa und sein Bruder Florian, so urteilte das Gericht jetzt, wussten damals mehr, als sie öffentlich sagten. Die Halbjahreszahlen, die EM.TV im August 2000 vorgelegt hatte, waren falsch. Die Geschäfte der Haffas liefen alles andere als super. Vielmehr schlugen die Risiken der wahnwitzigen Expansion der beiden Münchner auf die Bilanz durch. Die Brüder verloren den Überblick, die Aktionäre erfuhren nichts. Das fiel damals auch nicht besonders schwer, nah war noch die Erinnerung an den Februar desselben Jahres, als die Aktie auf 120 Euro gestiegen war, Thomas Haffa auf Hauptversammlungen Autogramme gab und EM.TV auf einen Börsenwert von fast 14 Milliarden Euro katapultierte.

Ein Tausendstel davon – 1,44 Millionen Euro – müssen die Haffas nun zusammen als Strafe dafür bezahlen, dass sie ihre Aktionäre belogen haben. Und damit letztlich den Kurs zum Absturz brachten, als das herauskam. Späte Genugtuung für alle Anleger, deren Kapital inzwischen verbrannt ist? Oder doch ein Skandal am Ende der bisher spektakulärsten juristischen Aufarbeitung des Crashs am Neuen Markt?

Das Haffa-Urteil heilt nicht die Wunden der geprellten Anleger und restauriert nicht die Aktienkultur in Deutschland. Wer aber ein schärferes Urteil erwartet hatte, muss sich seine Hoffnungen ohne Blick ins Gesetzbuch gemacht haben. Denn das geltende Recht gibt im Haffa-Fall und in ähnlichen Fällen nicht mehr her als eine Geldstrafe. Oder – wie vom Staatsanwalt gefordert – Haft auf Bewährung. Haffa also nicht in Handschellen.

Dennoch: Anlegerschützer können ein Urteil begrüßen, das die Chancen auf Schadensersatz für arm gewordene Anleger erhöht, und dass ein Signal setzt für die nun folgenden zivilrechtlichen Prozesse. Die Münchner Richter haben nicht Milde walten lassen, sondern den rechtlichen Rahmen offenbar ausgeschöpft. Das Haffa-Urteil taugt deshalb nicht als Indiz dafür, dass die Justiz die kleinen Sparer verfolgt, die großen Betrüger am Neuen Markt aber laufen lässt.

Gewiss, das enorme Vermögen von Thomas Haffa, aus dem der nun Vorbestrafte seine Millionenstrafe lässig begleichen kann, reizt zur moralischer Empörung. Zumal Haffa einen Großteil davon mit mutmaßlich unzulässigen Aktienverkäufen verdient haben soll. Doch ein moralisches Fallbeil für sämtliche Vorstände der New Economy sollte daraus nicht werden. Aktien waren eine riskante Geldanlage. Und werden es bleiben – mit oder ohne Haffa. Millionen Anleger haben schmerzlich erfahren, dass Chancen und Risiken an der Börse dicht beieinander liegen und dass Leichtsinn ziemlich teuer werden kann. Seit dem Urteil wissen sie aber auch, dass betrügerischer Größenwahn vor strengen Richtern endet. Immerhin etwas.

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