Meinung : Großstadt am Limit

Berlin ist kein Dorf: Vom Umweltwahn des rot-roten Senats

Lorenz Maroldt

Unser Dorf soll schöner werden, sauberer, leiser. Zu verdanken haben wir das der EU, die dazu – was sonst – Richtlinien beschlossen hat, und dem Senat, der diesen Ferneingriff in die Dorfautonomie entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten brav ins Werk setzt.

Im Prinzip ist das ja auch in Ordnung. Richtlinienwürdig wäre allerdings auch die Verbissenheit, mit der die Bürokraten von Brüssel bis Berlin ihren Beitrag zur regulativen Umweltverschmutzung leisten. Der rot-rote Senat scheint erst zufrieden zu sein, wenn der einzige Lärm in der Stadt das Wiehern von Fiakergäulen ist und der einzige Geruch vom Komposthaufen auf dem bald ehemaligen Flughafen Tempelhof kommt. Bis es so weit ist, sollen offenbar so viele Menschen wie möglich schikaniert werden.

Was gegen Krach zu tun ist, weiß der Senat noch nicht genau. Erst mal lässt er „Lärmkarten“ erstellen und arbeitet dann – bis Mitte 2008 – an einem „Lärmminderungsplan“. Einstweilen bremsen die Behörden den Verkehr, indem sie die Stadt immer weiter mit Ampeln und Tempo-30-Zonen auf Hauptstraßen verstopfen. Für lärmschluckenden Asphalt oder ebensolche Schienen ist kein Geld da. Dass ein getunter Astra mit Powersound-Auspuff und Monsterbassbooster im ersten Gang bis Tempo 30 mehr Krach macht als einer im fünften bei Tempo 50, gehört zu den Nebenwidersprüchen eines Tempolimits, die mit der Fahrradbimmel übertönt werden.

Die Operation Feinstaub ist dagegen bestens vorbereitet: Vom nächsten Jahr an gilt im gesamten Innenstadtgebiet zwischen Ostkreuz, Westkreuz, Südkreuz und Gesundbrunnen ein Fahrverbot für Autos und Laster ohne Katalysator. Das betrifft etwa 70 000 Wagen, allerdings nicht die Umweltvergifter des öffentlichen Fuhrparks; in eigener Sache ist man großzügig.

Das Problem landet zwar ohnehin Stück für Stück auf dem Schrottplatz. Zum Luftkurort wird Berlin aber dennoch nicht. Autos tragen nur einen Teil zur Feinstaubbelastung bei. Die Grenzwerte werden oft in kalten Wintern überschritten, wenn Granulat und Streusalz herumweht und der Ostwind so manches hereinbläst. Und wer mit seiner alten Kiste auf die andere Seite der Stadt muss, fährt künftig auch noch einen Umweg, außen am S-Bahn-Ring entlang. Die Anwohner der Ausweichstrecken bereiten schon Konfettiparaden vor. Etliche Kleinbetriebe, die sich einen neuen Wagen nicht leisten können, müssen künftig auf Kunden in der City verzichten und, falls sie selbst dort angesiedelt sind, vielleicht sogar umziehen.

Mitte-Bewohner, die an schönen Sommertagen ihren Oldtimer ein wenig bewegen wollen, müssen ihn aus dem Sperrgebiet schieben. Wer allerdings weiterhin täglich mit seinem Zwölf-Zylinder-Geländewagen, Stadtverbrauch: 30 Liter, zum Sockenkaufen und Schampustrinken bei Wowereit um die Ecke an den Kurfürstendamm rauschen will, kann dies mit rot-rotem Segen auch weiterhin tun. Er muss nur eine Plakette kaufen, so wie die anderen 1,3 Millionen Fahrzeughalter mit genehmen Wagen auch. Zehn Euro kassieren die Behörden dafür, von allen, die ein sogenanntes umweltfreundliches Auto haben; weil sie ein solches Auto haben, zur Belohnung gewissermaßen. Das neue Leitbild des Senats: Dialektischer Auto-Matismus.

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