Meinung : Grün, aber ungesund

Dem Wald geht es besser? Renate Künast ist zu optimistisch

Dagmar Dehmer

Das Waldsterben ist gestoppt. Das sagt die Forstministerin. Renate Künast findet, der Zustand des Waldes habe sich stabilisiert. Und wer‘s nicht glaubt, kann sich bei einem Waldspaziergang ja selbst überzeugen. Wenn das keine Erfolgsmeldung ist! Aber wie ist die Ministerin nur darauf gekommen? In ihrem eigenen Waldzustandsbericht aus dem Dezember 2002 geht hervor, dass nach wie vor 44 Prozent des deutschen Waldes deutlich oder stark geschädigt sind. Wenn Sie gesagt hätte: Der Trend bei der deutschen Eiche ist gestoppt, dann hätte Renate Künast recht. Nicht mehr 47 Prozent der Eichen wie 1996, sondern nur noch 29 Prozent sind deutlich geschädigt. Das ist ein Erfolg. Aber eine Trendumkehr?

Beim Wald ist die Sache komplizierter. Der Hauptschadstoff, der das Waldsterben Anfang der Achtzigerjahre ins Bewusstsein der Öffentlichkeit hat treten lassen, ist tatsächlich kaum noch in der Luft zu finden: das Schwefeldioxid. Die Auflagen für die Industrie haben gewirkt. Schwefeldioxid schädigt die Blätter und Nadeln der Wälder kaum noch. Aber verschwunden ist der Stoff deshalb noch lange nicht: Als Schwefelsäure versauert er bis heute die Waldböden.

Aus der Luft drohen neue Gefahren. Beispielsweise die Stickoxide, die der Autoverkehr hinterlässt, oder Ammoniak, das in der Landwirtschaft entsteht. Auch diese Chemikalien schädigen die Wälder. Stickoxide wiederum sind eine der Vorläufersubstanzen für bodennahes Ozon, das im Hochsommer durch die hohe Sonneneinstrahlung entsteht. Auch Ozon schädigt die Wälder, und da es in der Natur weniger schnell abgebaut wird als in den Städten, wo es hauptsächlich entsteht, gehört das Gas zu den relevanten Luftschadstoffen. Geschädigte Bäume wiederum stürzen schneller um, wenn ein Orkan durch den Forst tobt. Welche Katastrophe dabei herauskommen kann, haben die Förster im Schwarzwald vor ein paar Jahren erlebt, als der Orkan Lothar an einem Tag so viele Bäume zerfetzt hat, wie sie sonst in einem Jahr nicht gefällt und verkauft hätten.

Gleichzeitig findet aber auch eine ganz andere Entwicklung statt. Weil in Mitteleuropa so viel Kohlendioxid in die Luft gelangt – aus Schornsteinen, Heizungen oder dem Auspuff von Autos und Lastwagen, steht den Bäumen aus der Luft besonders viel Nährstoff zur Verfügung. Die Pflanzen wachsen schneller. Auf der Nordhalbkugel hat die Waldfläche in den vergangenen zehn Jahren sogar deutlich zugenommen. Seit sich die Landwirtschaft vor allem im Mittelgebirge kaum noch lohnt, wächst der Wald ungehindert nach. Die Nordhalbkugel ist grüner geworden, der Wald aber deshalb nicht unbedingt gesünder.

Was heißt das nun? Der Trend sei umgekehrt, meint Renate Künast. Ganz recht hat sie damit nicht. Denn solange knapp die Hälfte des Waldes deutliche Krankheitszeichen aufweist, kann von einer Trendumkehr keine Rede sein. Es ist mit den Waldschäden seit 1995 allerdings auch nicht schlimmer geworden. Die Politik der Bundes- und Landesregierungen seit etwa 20 Jahren haben das Waldsterben aufgehalten. Sie haben sogar eine Menge richtig gemacht, um den Patienten zu retten. Aber gesund ist der Wald noch lange nicht.

Vielleicht wird er es auch nie wieder. Denn kaum ist ein Umweltproblem gelöst, wird ein Neues gefunden, das womöglich ohne die Lösung des vorhergehenden Problems gar nie aufgetaucht wäre. Und je unsichtbarer die Gefahren werden, desto schlechter lassen sie sich erfahrungsgemäß lösen. Das Waldsterben lässt sich eben nicht per Erlass abschaffen. Nichts gegen Waldspaziergänge. Aber das Waldsterben wird Renate Künast so nicht los.

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