Grüne im Umfragenhoch : Das kleinste Übel

Die Grünen stehen laut einer neuen Umfrage bei 20 Prozent – sie verdanken das auch der Schwäche der anderen. Und nicht zuletzt der FDP.

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Im Aufwind: Die Grünen verzeichnen ein Umfragehoch.
Im Aufwind: Die Grünen verzeichnen ein Umfragehoch.Foto: dpa

In diese Höhen hat es die FDP zu ihren Glanzzeiten nicht geschafft. Wären am kommenden Sonntag Bundestagswahlen, könnten die Grünen laut einer neuen Forsa-Umfrage mit 20 Prozent der Stimmen rechnen. Auch andere Institute sehen die Oppositionspartei in einem ähnlichen Bereich. Gleichzeitig stürzt die FDP überall ab. Die einen, Forsa, sehen die Liberalen unter fünf Prozent, die anderen, Allensbach, knapp darüber. Dabei hatte die FDP lange selbst jene Höhenluft geschnuppert, die nun die Grünen genüsslich atmen. Mathematisch scheint ein Austausch stattgefunden zu haben, politisch ist der dagegen schwerer greifbar.

Denn natürlich sind sich die Wählerlager von Grünen und FDP sozial nah. Es sind in der Regel gut ausgebildete, vermögende Städter. Bei genauerer Betrachtung zeigen sich aber kaum Überschneidungen, auch direkte Lagerwechsel sind selten. Während die FDP von kleinen und mittelständischen Unternehmern geprägt ist, meist männlich, sind die Grünen vor allem von wohlhabenderen Angestellten und vielen Frauen dominiert. Arbeiter stehen der FDP näher als den Grünen. Grünen-Wähler halten die steuerliche Belastung eher für gerecht als FDP-Wähler. Eigenverantwortung betont der Liberale stärker als der Grüne.

Die Schwäche der FDP ist also nicht die Stärke der Grünen. Zumindest nicht unmittelbar.

Auf Umwegen ist sie es aber doch. Denn so sehr sich die Stammwählerschaft von FDP und Grünen, die bei beiden etwa acht bis zehn Prozent ausmacht, unterscheidet, so ähnlich sind sich ihre Wechselwähler. Denn es gibt in Deutschland eine Art frei bewegliche grün-liberale Masse. Ökologisch bewusst, staatsfern, bürgerrechtsbewegt und durchaus um ihren materiellen Besitz kämpfend. Im Moment fühlt sich diese Klientel am ehesten bei den Grünen wohl. Was auch an deren Unbestimmtheit liegt.

Denn während sich die FDP einem einzigen Thema verschrieben hat, der Steuersenkung, verzichten die Grünen gänzlich auf einen herausragenden inhaltlichen Schwerpunkt. Klimaschutz, Anti-Atomkraft, Bürgerrechte, Verbraucherschutz, aber auch Steuer- und Verteidigungspolitik – es scheint, als lebten all diese Politikfelder friedlich nebeneinander her, eine echte Hierarchie der Themen fehlt.

Zur Wohlfühlpartei macht es die Grünen nicht, auf den jeweiligen Gebieten haben sie ihre streitbaren Positionen. Dennoch bieten sie das größte Auffangbecken – für jene, denen die CDU zu sehr an der FDP hängt und denen die SPD zu unberechenbar und zu stark mit sich selbst beschäftigt ist. Und für die, die Liberale engstirnig finden.

Eine Volkspartei sind die Grünen damit nicht, wohl aber eine Art FDP für alle. Das kann tragen, eine Weile, vielleicht sogar bis zur nächsten Bundestagswahl. Nachhaltig ist es kaum. Denn spätestens, wenn sich SPD und CDU erholen und vor allem die FDP einmal ernsthaft den Versuch unternimmt, sich vom Menetekel der Steuersenkungspartei zu verabschieden, wird das grün-liberale Lager weiterziehen und fragen: Wofür stehen die Grünen eigentlich?

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