Meinung : Grüne Männchen vom roten Planeten Der Mars kommt uns immer näher – oder wir ihm?

Moritz Schuller

Am 30. Oktober 1938 wurde das aktuelle Radioprogramm des amerikanischen Columbia Broadcasting System für eine Eilmeldung unterbrochen: „Um zwanzig Minuten vor acht hat Professor Farrell vom Mount Jennings Observatorium in Chicago mehrere Explosionen weiß glühenden Gases auf dem Mars beobachtet. Das Spektroskop zeigt an, dass sich das Gas mit enormer Geschwindigkeit auf die Erde zubewegt.“ Kurz darauf setzte das ursprüngliche Programm wieder mit der Übertragung eines Konzerts von Ramón Raquello und seinem Orchester ein.

Doch der Mars unterbrach immer wieder das Programm: Schließlich hieß es, nach Meteoriteneinschlägen seien Metallkanister auf der Erde gefunden worden, aus denen schlangenartige Wesen mit Tentakeln kröchen. Das Ganze war ein Witz. Orson Welles hatte H. G.Wells’ Roman „Der Krieg der Welten“ für das Radio adaptiert, den Vorspann, aus dem das deutlich wurde, hatten die meisten jedoch überhört. Und so lösten diese Nachrichten in ganz Amerika Panik aus. Freiwillige meldeten sich, um die Angreifer vom Mars in die Flucht zu schlagen, überall wurden Explosionen gesichtet, und in Indianapolis kam eine Frau in die Kirche gerannt und schrie: „New York ist zerstört; das ist das Ende der Welt. Geht lieber gleich nach Hause, um zu sterben. Ich hab’ es gerade im Radio gehört.“

Die Nachricht von der Invasion vom Mars ist ein Klassiker der modernen Mediengeschichte. Sie funktionierte wie auch der Film „Independence Day“, weil ihre Geschichte schrecklich einfach ist: In der Tiefe des unbekannten Alls ist alles möglich, von dort kann alles kommen. Noch jedenfalls. Was die Menschen hörten, wollten sie auch glauben. Oder wenigstens wollte das Land, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, einen solchen Angriff nicht für undenkbar halten.

Die Zeiten haben sich geändert. Am Mittwoch ist der Mars in einer Entfernung von 55,76 Millionen Kilometer an der Erde vorbeigeflogen, so nah wie seit fast 60 000 Jahren nicht mehr. Damals lebten noch die Neandertaler. Nicht nur bei der Vereinigung der Sternfreunde (VdS) ist die Angst vor dem roten Planeten einer großen Begeisterung gewichen. Der Mars kommt uns schon lange näher: 1965 landete die erste Sonde, am 2.Juli diesen Jahres haben die Europäer den „Marsexpress“ auf die Reise geschickt. Die komplizierte Landung soll zu Weihnachten stattfinden. Das endgültige Ziel ist klar: eine bemannte Marslandung.

Der Gott des Krieges, der männliche Mars, der mit der weiblichen Venus kaum ein vernünftiges Wort zu wechseln weiß, er soll erobert werden. In großen Metallkanistern werden die Menschen durchs All fliegen, eine klaustrophobische Reise von vielleicht 200 Tagen mit dem übermenschlich schönen Blick auf die Erde. „Fly me to the Moon“ werden sie singen und die neuesten Bilder von der Erde an sie hinuntersenden. Das Weltall zu erforschen und wirtschaftlich nutzbar zu machen, bedeutet schließlich auch, sich den siebtgrößten Planeten unseres Sonnensystems untertan zu machen. Auch Abstürze wie die der „Columbia“ werden diese Entwicklung höchstens kurz unterbrechen. Daran glauben wir heute.

H. G.Wells’ bedrohlicher Mars passt also nicht mehr in die Zeit. Aber auch Ray Bradbury ist längst überholt. In einem seiner Science-Fiction-Romane aus den Fünfzigerjahren lässt der amerikanische Autor das Mitglied einer Marsexpedition den Unterschied zwischen Menschen und Marsianern so erklären: „Wir Erdenmenschen haben ein Talent dafür, große schöne Sachen zu zerstören. Die Marsianer haben wahrscheinlich genauso wenig dagegen, dass wir hier sind. Sie sehen in uns Kinder, die auf dem Rasen spielen, und wissen auch, was man von Kindern erwarten kann.“

Die tausendjährigen Geschichten über den Mars kommen langsam zum Ende, die Wissenschaft übernimmt. Bald werden wir wissen, was es mit dem „Olympus Mons“ und den Erosionskanälen auf sich hat, mit den Polkappen und den zwischen plus 20 und minus 140 Grad schwankenden Temperaturen. Wenn die Menschen schließlich auf dem Mars landen, werden sie auf keine tentakligen Monster treffen oder auf durchgeknallte Morks, sondern wie auch sonst immer: auf sich selbst. Wie bei jener Radiosendung am 30. Oktober 1938.

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