Grüne Woche : Wir können die Welt nicht im Supermarkt retten

Wir sollen auf Fleisch verzichten und nur noch Bioprodukte essen. Die Grüne Woche zeigt: Der Streit um die richtige Ernährung trägt fast schon religiöse Züge. Das geht am Alltag der Menschen vorbei.

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Was steckt da drin? Der gesellschaftliche Zwang, sich gesund zu ernähren, wächst. Foto: AFP
Was steckt da drin? Der gesellschaftliche Zwang, sich gesund zu ernähren, wächst.Foto: AFP

Haben Sie gestern in der Kantine wieder Schnitzel gegessen? Oder auf dem Weg nach Hause noch schnell einen Burger verputzt? Haben Sie Ihr Kind in der Schule vom Caterer bewirten lassen, statt selbst etwas Gesundes zu kochen? Dann sollten Sie sich schämen. Denn Sie tragen eine Mitschuld daran, dass Regenwälder abgeholzt werden, das Weltklima vor die Hunde geht und Hühner, Schweine und Rinder in deutschen Großmastanlagen freudlos vor sich hin vegetieren, bis sie im Massentransport zum Schlachthof gekarrt werden.

An diesem Samstag werden wieder mehrere tausend Menschen in Berlin auf die Straße gehen, um gegen alle Missstände zu demonstrieren, die es in der industriellen Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion gibt – von der Tierquälerei in der Nutztierhaltung über die Rohstoffspekulation bis zum Bienensterben und der Verbrauchertäuschung im Supermarkt.

Greenpeace, BUND, Foodwatch, die Ökoverbände und viele andere kämpfen für die Agrarwende. Und obwohl die am heutigen Freitag beginnende Grüne Woche ausnahmsweise mal keinen Lebensmittelskandal verdauen muss, ist das Thema aktuell wie nie. In der EU wird zurzeit über neue Förderregeln diskutiert, die Bauern für ökologisches Wirtschaften belohnen sollen. Doch das Vorhaben stößt auf Widerstand in den Mitgliedstaaten – auch bei Agrarministerin Aigner. Daher soll nach dem Willen der Verbände jetzt der Bürger eingreifen. Verbraucher sollen ihre Europaabgeordneten anschreiben und Druck machen.

Doch das reicht noch nicht: Auch beim täglichen Einkauf sollen wir Konsumenten die Welt retten. Wir sollen auf Fleisch verzichten, weil die Mast der Tiere auf Kosten der Agrarflächen geht. Wir sollen Bio-Produkte konventionellen Erzeugnissen vorziehen. Wir sollen regionale Marken in den Einkaufswagen legen und nur das kaufen, was saisonal passt. Doch zugleich sollen wir auch die Bauern in den Entwicklungsländern unterstützen, wir sollen unsere Familien gesund ernähren und auch im Winter frische, vitaminreiche Kost auf den Tisch bringen.

Das alles unter einen Hut zu bekommen, ist schon schwer genug, wenn man die Zeit und die Energie hat, sich zu informieren. Doch diese Freiräume haben immer weniger Menschen. Die Zeit, in der Mütter ihre Vormittage damit verbrachten, einzukaufen und das Mittagessen zuzubereiten, ist vorbei. Immer mehr Frauen arbeiten zumindest halbtags, immer mehr Kinder bleiben bis zum Nachmittag in der Schule und essen dort. Dennoch wird der Streit ums Essen mit großem Ernst und auch sehr persönlich geführt. Was man isst, entscheidet über Gut und Böse. Die Auseinandersetzung hat fast schon religiöse Züge.

Am Alltag der meisten Menschen geht das vorbei. 90 Prozent sind mit den Lebensmitteln ganz zufrieden, besagt eine am Donnerstag veröffentlichte Umfrage des Verbraucherministeriums. Allerdings legen die Deutschen Wert darauf, dass die Tiere anständig behandelt werden. Statt zu demonstrieren, werden viele ihren Samstag daher wohl woanders verbringen: auf der Grünen Woche – mit Burger und Würstchen. Aber vielleicht vom Öko-Stand.

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