Meinung : Grüner wird’s noch

Nicht nur ein bisschen Umweltschutz: Die große Zeit der Ökopartei liegt noch vor ihr

Harald Schumann

Die Wahl haben sie verloren, ihr führender Stratege geht in Rente und in der Opposition droht die Marginalisierung neben den Klassenkämpfern mit der gelben und denen mit der roten Flagge: Sind die Grünen also am Ende? Droht ihnen das lange vorhergesagte Schicksal als „Generationenprojekt“, nach 30 Jahren ist alles vorbei?

Das könnte so kommen, ist aber wenig wahrscheinlich. Tatsächlich spricht sogar vieles dafür, dass die große Zeit der Grünen erst noch bevorsteht. Denn es sind ihre Themen, ihre Fragen, ihre Forderungen, die mehr und mehr ins Zentrum der Weltpolitik rücken.

Auch wenn die organisierte Ignoranz in den Chefetagen der deutschen Industrie zuweilen den Eindruck erweckt, es gebe gar kein Umweltproblem: Dieser Wunsch wird sich nicht erfüllen. Mit jedem Promille steigender Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre, mit jedem Preisschub für Öl und andere Rohstoffe, mit jeder neuen Schreckensmeldung von wachsenden Wüsten, verheerenden Stürmen und fallenden Grundwasserspiegeln rücken die ökologischen Grenzen des Wachstums näher, und sei es in Form von Flüchtlingsströmen und wachsender Unsicherheit der Transportrouten.

Zwei Drittel der Ökosysteme, von denen die Menschheit abhängt, von den Fischgründen bis zur Abgasdeponie Atmosphäre, „befinden sich im Niedergang“, urteilte jüngst das von Kofi Annan berufene globale Wissenschaftlergremium des „Millennium Ecosystem Assessment“. Dieser Prozess ist aufs engste verknüpft mit der wirtschaftlichen Aufholjagd der Milliardenvölker in China und Indien sowie ihrer Nachahmer. Umso dringender wird das urgrüne Anliegen, in Europa und Amerika, den globalen Modellstaaten, einen Lebensstil zu entwickeln, der die Abhängigkeit von schwindenden Ressourcen überwindet und auch noch acht Milliarden Menschen ein würdiges Leben in einer halbwegs intakten Umwelt ermöglicht.

Unaufhaltsam wird darum „das grüne Thema Ökologie in den inneren Bereich der harten Machtfragen der internationalen Politik“ aufrücken, erkannte auch Joschka Fischer gerade rechtzeitig zum Abschluss seiner Politikerkarriere. Leider hat sich das in seiner praktischen Politik nicht so recht niedergeschlagen. Und auch jenseits der Außenpolitik ist die Republik unter rot-grüner Führung in den vergangenen sieben Jahren auf dem Weg nach Ökotopia allenfalls ein kleines Schrittchen vorangekommen.

Das ändert jedoch nichts an der Notwendigkeit und auch nichts daran, dass die Grünen noch immer mit Abstand über das bestqualifizierte Personal zur Bearbeitung der großen Zukunftsfragen verfügen.

Dagegen lehrt ein Blick in die Programme der beiden künftigen Regierungsparteien CDU und SPD, dass deren Führungsgremien noch immer der Illusion anhängen, sie könnten erst mal die wirtschaftlichen Probleme mit Hilfe der guten alten Wachstumspolitik lösen und anschließend ein bisschen Umweltschutz betreiben.

Diese Rechnung wird nicht aufgehen. Wenn es überhaupt einen Ausweg gibt, dann wird ihn der radikale Umbau der Verschwendungswirtschaft weisen, der durch energetische Abrüstung Arbeitsplätze und nachhaltige Entwicklung schafft. Und es wird die vornehmste Aufgabe jener Partei, die einst aus der Umweltbewegung hervorging, diese gewaltige Anstrengung zu konzipieren und immer wieder neu einzufordern. Nach Lage der Dinge ist das ihr direkter Weg in die nächste Bundesregierung.

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