Grünes Feindbild : Angriff der Schirmchencocktails

Die Kreuzberger Grünen haben einen neuen Feind entdeckt: den "Touri". Tatsächlich sind die Begleiterscheinungen des boomenden Berlintourismus etwas anders als vom Senat gerne dargestellt. Aber wer sind die Opfer?

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Beginnt nun der Kampf gegen den internationalen Tourismus?
Beginnt nun der Kampf gegen den internationalen Tourismus?Foto: dpa

Berlin ist die Stadt der Widersprüche. Warum sollten die Parteien anders sein? Nehmen wir ein x-beliebiges Thema, Tourismus oder Gastronomie, und nehmen wir eine x-beliebige Partei, sagen wir: die Grünen. Und los:

„Ein weiterer Hoffnungsträger für die wirtschaftliche Entwicklung Berlins ist der Tourismus“, heißt es im Entwurf des Wahlprogramms der Grünen. „Hilfe, die Touris kommen“, steht auf Plakaten der Grünen. „Nachhaltige Gastronomie, die auf regionale Küche setzt“, empfiehlt die Partei in ihrem Landesmenü. In ihrer Bezirkskarte lobt sie die „Weltküche im Graefekiez“ als vorbildlich.

Zugegeben, die Grünen haben es mit ihren Leuten auch besonders schwer, vor allem in Kreuzberg. Das Spektrum reicht vom Dorfpunk, der sich „Kreuzberg rules ok“ in seine vegetarische Lederjacke ritzt, bis hin zum Baugemeinschaftsmiteigentümer, der sich zur Tarnung seines Kombis einen Tiefgaragenplatz in Mitte mietet. Gemeinsam haben sie am Zaun des ersten McDonald’s im Bezirk gerüttelt, die einen, um ihren Wehrdienst gegen den Imperialismus zu leisten, die anderen, um ihre Kinder vor einer Vergiftung zu bewahren. Gemeinsam kämpfen sie jetzt auch gegen den internationalen Tourismus und seine wohl widerlichste Waffe, den Schirmchencocktail.

Tatsächlich sind die Begleiterscheinungen des boomenden Berlintourismus etwas anders als vom Senat gerne dargestellt. Vor allem jüngere Gäste lassen oft weniger Geld zurück als Müll, manche demolieren die Einrichtungsgegenstände im alternativen Museumsdorf, und anstatt ehrfurchtsvoll dem Sound der bewegten Bewohner zu lauschen, machen sie selber Krach. Der Easyjetset hat ganze Straßenzüge verwüstet, die Oranienburger Straße in Mitte, die Simon-Dach-Straße in Friedrichshain, demnächst ist die Kastanienallee dran, und die Schlesische Straße ist schon mittendrin.

Aber wer sind die Opfer? Ja, schon klar, die Bewohner. Auch der bewohnende Wohnungseigentümer, der noch vor kurzem stolz war auf sein Schnäppchen im kommenden In-Kiez, jetzt auf seinem Balkon steht und „Ruhe!“ brüllt, seine Bude aber heute locker für das Doppelte wieder verkaufen und sich eine Villa im Grünen leisten könnte? Die vermeintlichen Urkreuzberger, die selbst erst vor ein paar Jahren, verführt vom „Reiz des Heruntergekommenen“, als Touristen gekommen und geblieben sind? Die Anhänger von Vielfalt, die ihre Monokultur verteidigen? Die Mieter von Wohnungen und Läden, die mittendrin sein wollen, aber dann doch nicht dabei?

Die Folgen von Veränderungen sind selbstverständlich ein Thema für Politik, so auch „der Ausgleich zwischen berechtigten Interessen“ von Berlinern und Gästen, wie die Grünen doch ganz richtig schreiben. Eine Stigmatisierung bestimmter Gruppen als vermeintlich Verantwortliche ist allerdings billiger, erzkonservativer, dämlicher Populismus. Die meisten „Touristen“, die auf der Admiralbrücke feiern, sind übrigens Berliner. Mit manchen Widersprüchen muss man wohl leben.

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