Meinung : Grundsätze wie Wanderdünen

Die Regierung sagt, sie sei gegen das therapeutische Klonen. Besonders überzeugend ist das nicht

Markus Feldenkirchen

Über 300 Experten grübeln dieser Tage in Berlin über die Chancen und Risiken des Klonens. Dabei sind die Gründe, die gegen jegliche Klonform, also das reproduktive und das so genannte therapeutische Klonen sprechen, längst genannt. Da ist unser Verständnis von der Würde und der Einmaligkeit des Menschen, das uns verbietet, in die Menschenzüchtung einzusteigen.

Der zweite gute Grund ist die Achtung vor menschlichem Leben selbst, der Schutz des Embryos, der nicht zu wirtschaftlichen, nicht zu wissenschaftlichen Zwecken getötet werden darf. Wer dieses Tabu zum Maßstab macht, der darf auch beim therapeutischen Klonen keinen Raum für Missverständnisse zulassen. Zwar soll bei dieser Methode kein Mensch herangezüchtet werden, es geht, wenn man es positiv sehen will, sogar um ein hehres Ziel: die Heilung von Menschen. Doch auch beim therapeutischen Klonen muss ein Embryo getötet werden. Diesen Preis für ein Stück Hoffnung sollten wir nicht zahlen. Wenigstens die deutsche Rechtslage ist in diesem Punkt – noch – eindeutig.

Die Bundesregierung ist es leider nicht. Sie steht im Verdacht, sich eine Hintertür zum therapeutischen Klonen offen zu halten. Mag sein, dass man Joschka Fischer, Ulla Schmidt und vor allem Forschungsministerin Edelgard Bulmahn zu Unrecht verdächtigt. Doch dieses Missverständnis hätten sie sich mit ihren widersprüchlichen Äußerungen und Aktionen selbst zuzuschreiben. Lange etwa hatte sich die Regierung geweigert, bei den UN in New York auf ein umfassendes Klonverbot hinzuwirken, dass auch das therapeutische Klonen ächtet. Eine Vorlage des Europäischen Parlaments, mit der jede Arbeit mit geklonten Embryonen verboten werden soll, wird bislang von Deutschland blockiert. Zudem unterstützt die Regierung mit dem neuen Forschungsrahmenprogramm der EU die embryonentötende Forschung etwa in Großbritannien. Und da ist nicht zuletzt die von Bulmahn organisierte Klonkonferenz selbst, die sicher nicht einberufen wurde, um das Klonen ein für alle Mal zu verdammen. Die Signale dieser Regierung sind widersprüchlich, es fehlt die Glaubwürdigkeit, die bei Grundfragen der Menschheit nicht fehlen dürfte. Wegen dieser Vorgeschichte klingt auch Bulmahns Absage an das therapeutische Klonen auf der Berliner Konferenz wenig überzeugend.

Der Bundestag hat im vergangenen Jahr einen heiklen Kompromiss in der Stammzellenfrage gefunden: Mit bereits vorhandenen, im Ausland hergestellten embryonalen Stammzellenlinien darf demnach auch in Deutschland geforscht werden. Die Tötung von Embryonen zu Forschungszwecken aber bleibt strikt verboten, mehr noch: von deutschen Forschern soll nie ein Anreiz zur Embryonentötung ausgehen, auch im Ausland nicht. Wer eine so differenzierte Grenze zieht, muss viel dafür tun, sie zu befestigen, und muss dem Eindruck vorbeugen, dass der Damm in Wahrheit eine Wanderdüne ist. Die Bundesregierung aber war bisher ein schlechter Anwalt für die selbst gesetzten Standards.

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