Meinung : Gut gemeint – und falsch geholfen

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Von Ulrike Scheffer

Vor wenigen Wochen haben die Vereinten Nationen Alarm geschlagen. Im südlichen Afrika sind zehn Millionen Menschen von einer Hungersnot bedroht. Wieder einmal Afrika, wo Hitze und Trockenheit oder auch sintflutartige Regenfälle die Ernten vernichten. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. In Simbabwe zum Beispiel ist – neben der Dürre – auch die Politik von Staatschef Robert Mugabe für Armut und Hunger verantwortlich. Durch die Enteignung weißer Tabak-Farmer hat Mugabe die Wirtschaft ruiniert und tausende Landarbeiter um ihre Arbeit gebracht. Die versprochene Umverteilung des Landes blieb aus. Viele Menschen sind nun so arm, dass sie ihre Familien nicht mehr ernähren können. Und die Regierung verkaufte auch noch ihre Getreidereserven, statt sie für Notzeiten zu bunkern.

Mugabe ist kein Einzelfall. Deshalb werden sich die Länder, die ganz oben auf der Hungerliste stehen, beim Welternährungsgipfel in Rom auch zu Recht kritische Fragen gefallen lassen müssen. Die Zeiten, in denen sie ihre Misere allein den klimatischen Bedingungen und mangelnder Hilfe aus dem Norden zuschreiben konnten, sind vorbei. Viele Regierungen bauen lieber pompöse Flughäfen oder Fußballstadien als vernünftige Straßen in der Provinz. In den meisten Staaten gibt es zudem genug Nahrungsmittel. Doch nicht selten verfault ein Teil der Ernten in den Speichern der Bauern, weil die ihre Produkte nicht in die Städte transportieren können – etwa, weil die Fahrt auf den schlechten Straßen für verderbliche Waren wie Obst und Gemüse einfach zu lange dauert.

Erst wenn die Regierungen eine verantwortungsvollere Politik machen und sich strikt auf die Entwicklung ländlicher Regionen konzentrieren, wird sich an den Missständen etwas ändern. Es ist daher sinnvoll, in Rom einen Verhaltenskodex zur Debatte zu stellen, der Leitlinien für die Bekämpfung von Armut und Hunger festschreibt. Auch die deutsche Landwirtschaftsministerin will sich für eine solche Vereinbarung stark machen. Den Hungernden wird aber nur geholfen, wenn die Geberstaaten ihre Hilfe konsequent von der Einhaltung solcher Leitlinien abhängig machen.

Damit allein lässt sich der Hunger aber kaum aus der Welt schaffen. Denn ganz unschuldig sind die Industrieländer an dem Elend eben doch nicht. Nicht nur, weil sie bis zum Ende des Kalten Krieges unfähige und unwillige Potentaten unterstützt haben, damit die sich nicht den „falschen" politischen Freunden zuwenden. Sie haben auch auf falsche Konzepte gesetzt. Lange etwa wurde der Einsatz moderner Technik in der Landwirtschaft propagiert. Die teuren Maschinen waren jedoch meist nicht lange in Betrieb, denn den Bauern fehlte das Geld für Ersatzteile und Reparaturen. Die Anschaffungskredite mussten sie freilich weiterbedienen. Zu viel Energie floss außerdem in die Entwicklung der Exportwirtschaft, während der Anbau von Grundnahrungsmitteln und deren Vermarktung vernachlässigt wurde. Dies war besonders deshalb fatal, weil die Industriestaaten ihre Märkte bis heute gegen Produkte aus armen Ländern abschotten.

Die Europäische Union hat zwar in den vergangenen Jahren Handelsschranken abgebaut, wichtige Produkte wie Zucker oder Bananen unterliegen aber weiter Beschränkungen. Die Entwicklungsländer werden dagegen gedrängt, ihre Märkte kompromisslos zu öffnen – auch für Grundnahrungsmittel wie Reis. Ob die einheimischen Reisbauern mit den Billigeinfuhren konkurrieren können, interessiert die Lieferanten nicht. Doch wenn die Produktion in den Einfuhrländern zusammenbricht, sind die Konsumenten den Preisschwankungen der Importlebensmittel wehrlos ausgeliefert.

Faire Handelsbedingungen würden den Entwicklungsländern mehr helfen als zusätzliche Finanzspritzen, darüber sind sich Fachleute inzwischen weitgehend einig. Wenn das Ziel der Weltgemeinschaft, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren, auch nur annähernd erreicht werden soll, müssen sich die Industriestaaten zumindest in diesem Punkt bewegen.

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