Meinung : Gut und betucht – das schließt sich nicht aus

Deutsche Manager sollten Kopftuchträgerinnen in ihre Reihen aufnehmen Von Michael Stuber

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Wo hört die freie Entfaltung individueller Identität auf – und wann wirken sich gemeinsame kulturelle Werte als Verhaltensregeln oder -zwänge aus? Auf diese Grundsatzfrage musste sich die Kopftuchdiskussion zuspitzen, weil sie jahrzehntelang verdrängt, ignoriert und somit nicht gelöst wurde. Stark verhärtete Positionen bildeten sich heraus: „Ihr müsst uns mit unserer gesamten Identität annehmen, das ist unser Menschenrecht“, sagen die einen. „Ihr müsst unsere verfassungsmäßigen Grundsätze beachten“, fordern die anderen. Beide Seiten wenden dabei ihre eigenen Maßstäbe auf die jeweils anderen an.

Auf dieser Basis ist keine Lösung möglich. Die Situation ist historisch belastet. Deutsche Vergangenheit und schwaches Identitätsprofil einerseits. Jahrzehntelange Ausgrenzung von Migranten andererseits. Beides muss berücksichtigt werden, aber wir müssen nach vorne schauen. Wie Fortschritte gemacht werden können, zeigen erfolgreiche Interkultur-Modelle der globalisierten Wirtschaft. Das einfache Rezept: Beide Seiten müssen die Sichtweise des anderen verstehen und sich dann aufeinander zubewegen. In der Kopftuchfrage wäre das ein neuer Weg – für die deutsche Leitkultur und die Befürworter des Kopftuches.

Verständnis entsteht nicht durch das mantrahafte Wiederholen der eigenen Position. Wir brauchen stattdessen einen Perspektiventausch. In modernen Trainings gehört diese Technik zum Standard. In den USA existiert eine vieldeutige Formulierung: To know what it’s like to walk in somebody else’s Moccassins. Zu wissen, wie man in anderer Leute Mokassins geht – nicht etwa in „Schuhen“, sondern in der Fußbedeckung der amerikanischen Ureinwohner! Analog müssten sich deutsche Normverfechter überlegen, was sie sich in einem anderen Land unter „Integration“ vorstellen.

Beispiele gibt es genug und stets beobachten wir: Zuwanderer möchten zumindest einige Eigenheiten beibehalten – vor allem jene, die ihnen, weshalb auch immer, wichtig sind. Auf der anderen Seite müssen sich die Befürworter des Kopftuches überlegen, wie sie mit abweichendem Verhalten oder nonkonformer Identität in ihrem eigenen Umfeld – zum Beispiel aus Sicht des Islams oder in einem islamischen Staat – umgehen. Solch echte Perspektivwechsel führen erfahrungsgemäß zu tiefgreifenden Aha-Effekten.

Diese bilden eine emotionale Basis für Veränderung und für Schritte aufeinander zu, kleine oder große. Die bisherige Diskussion lässt all dies vermissen. Zu starr erscheinen die Positionen und zu wenig lösungsorientiert die mitunter hilflosen Vorschläge.

Die einseitige Forderung, das Kopftuch abzulegen, war unsensibel und unangemessen. Dagegen wäre es intelligent, wenn manche islamische Frauen, die hierin kein Identitätsproblem sehen, das Kopftuch von sich aus (!) situativ ab- und anlegten. Migrationshintergrund darf nicht das einzige Identitätsmerkmal sein – Geschlecht oder Alter auch nicht. Geradezu utopisch mutet die Vorstellung an, gemeinsam Ja zu sagen zu einem gemeinsamen Leben in diesem Land. Solange die deutschen Top-Manager nicht Ja zu einer vielfältigen Gesellschaft sagen und etwa Kopftuchträgerinnen in ihre Reihen aufnehmen, solange Politiker Integration überwiegend anhand von Defiziten auf Seiten der Migranten diskutieren, solange kann keine gemeinsame Basis entstehen.

Deutschland muss auch an seinen eigenen Defiziten arbeiten und den Wert seiner kulturellen Vielfalt entdecken. Ein fundamentaler Fehler ist die Annahme, Migranten seien Konkurrenten, etwa um Arbeitsplätze. Das Gegenteil ist richtig: Durch die wirtschaftliche Beteiligung von Migranten wird der Kuchen größer. Ebenso wie durch die Beteiligung von Frauen und Alten. Politik und Gesellschaft sollten von der Wirtschaft lernen, wie Vielfalt zum Wohle aller genutzt werden kann. Dass sich hierfür alle ein wenig verändern müssen, ist Teil der Lösung.

Der Autor ist Inhaber der Kölner Unternehmensberatung Ungleich Besser.

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