Meinung : Gutachten ohne Ende

Psychiatrie als Roulette: Wie ein Sexualtäter entlassen – und rückfällig wurde/Von Gerhard Mauz

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RECHTSWEGE

Eine derartige Überschrift gab es nach unserer Erinnerung in der „Bild"Zeitung noch nie: „Milder Herr Gutachter, plagt Sie kein schlechtes Gewissen?" Die Unterzeile lautet „Er verhalf diesem Vergewaltiger in die Freiheit" und von dieser Zeile weist ein Pfeil auf den in einem Anorak verhüllten Mann, der nach seiner Entlassung erneut eine Sexualtat beging.

Vom „Stern" engagiert und bezahlt, hat Professor Johann Glatzel, 64, ohne Lehrauftrag an der Universität Mainz, ein Gutachten über Wilfried Sabasch erstattet, in dem es heißt, dass von dem Sexualtäter „erhebliche rechtliche Taten" nicht zu erwarten seien. Der Mann, der dadurch freikam, saß seit 31 Jahren in der geschlossenen Psychiatrie. Nun konnte er – das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen, deshalb müssen wir von „mutmaßlich" sprechen – nun konnte er also mutmaßlich eine weitere Sexualtat begehen, die das Opfer überlebte.

Nachdem er sich überraschend zu einer von ihm bislang verweigerten Begutachtung bereit erklärte, musste der Strafprozess gegen ihn auf unbestimmte Zeit ausgesetzt werden – der ausgezeichnete Gutachter, den das Gericht benannte, ist ein Psychiater, dessen Terminkalender überfüllt ist. Da die Zehn-Tage-Frist eine längere Unterbrechung nicht zulässt, wird nun eine für das Opfer schwer erträgliche, weitere Verzögerung eintreten.

Gisela Friedrichsen schreibt dazu im „Spiegel“, dies sei „ein Musterbeispiel für die Zumutung, die der Rechtsstaat Opfern und auch der Öffentlichkeit abverlangt. Wenn so vieles schief geht wie in diesem Fall: Dann ist der Täter meist nicht der Alleinschuldige. Dann hat es vielerorts Versäumnisse, falsche Entscheidungen und Fehlverhalten gegeben." Sabasch bleibt in der geschlossenen Abteilung.

Im November 2000 besuchte der gewiss nicht schlecht honorierte Mainzer Psychiater Professor Johann Glatzel für drei Stunden den Patienten Sabasch. Auf sein Gutachten hin schrieb der „Stern": „Lasst diesen Mann frei". Das Magazin hat den Fehler ohne jede Beschönigung eingestanden und bedauert.

„Mit Sabasch wurde verfahren wie Anno Tobak mit geistig Behinderten: Man berief sich stets auf die angeblich nicht verbesserbare intellektuelle Beeinträchtigung und ließ Verhaltensauffälligkeiten, die teilweise von der Klinik produziert wurden, zu ,Beweisen’ für Gefährlichkeit erstarken“, so Friedrichsen.

Es wird einen neuen Prozess geben. Es ist höchste Zeit, dass hiermit ein Ende ist.

Gerhard Mauz ist Autor des „Spiegel“. Foto: Dirk Reinartz

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