Meinung : Guten Morgen, Faulheit

Von Pascale Hugues, Le Point

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Paris, 11. November, zehn Uhr morgens. Die Terrasse des „Rostand“ ist brechend voll. In der Ferne zeichnet sich die Kuppel des Panthéons ab, gegenüber der Senat. In den Luxemburger Gärten warten ein paar TaiChi-Jünger mit in die Luft gestreckten Beinen auf die Erleuchtung. Die Verliebten sind noch im Bett, die Familien sind aufs Land gefahren. Chirac legt einen Kranz unterm Arc de Triomphe nieder. In allen französischen Dörfern lassen Fanfaren die Denkmäler für die Toten des Vaterlandes erzittern. Nein, heute ist nicht Sankt Martin. Frankreich feiert das Ende des Ersten Weltkriegs. Was spielt es für eine Rolle, dass Pétain, der Held von Verdun, später der Marschall von Vichy war? Was soll’s, wenn ein knappes Jahrhundert später die Kinder der Republik nicht mehr so genau wissen, was diese Herren mit ihren komischen Zylindern damals eigentlich im Wald von Compiègne zu suchen hatten. Frankreich genießt seinen Feiertag ohne Hintergedanken. Er fällt dieses Jahr auf einen Donnerstag. Jawohl, Herr Eichel – auf einen Donnerstag! Mitten in der Woche! Das kostet uns mindestens 0,1 Prozent des Bruttosozialprodukts! Und weil es nicht gesund ist, eine wohlverdiente Pause brutal zu unterbrechen, legen die Franzosen am Freitag einen Brückentag ein, das macht dann schon 0,2 Prozent des Bruttosozialprodukts, mindestens.

Unterdessen träumt Hans Eichel davon, den 3. Oktober zu knicken. Um ganz ehrlich zu sein, das Projekt ist nicht ganz so skandalös, wie es zunächst scheinen mag. Man denke bloß mal an den 3. Oktober zurück: Regen und Bratwurstgeruch. Ein Fest ohne Fanfaren und Feuerwerk. Ein Tag ohne jeden symbolischen Atem, ein blind in den Kalender gehacktes Verwaltungsdatum – nur, weil der 9. November tabu ist.

Aber trotzdem: den Tag der Deutschen Einheit einfach abschaffen? Man kann mir noch so oft versichern, dass dieses traumatisierte Land von großen patriotischen Inszenierungen geheilt ist und dass die Deutschen von heute solche Prothesen des Nationalstolzes nicht mehr nötig haben. Man kann noch so laut über den Independence Day mit seinen Fähnchen lachen, und über die verstaubten Parademärsche des 14. Juli. Seit aber die britische Königin in Berlin war, glaube ich kein Wort mehr von all diesen Ausflüchten – seitdem habe ich die Deutschen nämlich im Verdacht, heimlich von nationalen Ritualen zu träumen. Warum sonst sollte sich der stolze Gorlebenveteran Jürgen Trittin Ihrer Majestät zu Füßen werfen? Warum hätte sich dieses so verdienstorientierte Land sonst tagelang leidenschaftlich mit den unmöglichen Hüten, den Handtaschen und dem Stammbaum einer kleinen anachronistischen Dame beschäftigt?

Der französischen Regierung kam eines Tages die unkluge Idee, den 11. November und den 8. Mai zusammenzulegen. „Man muss Frankreich wieder zum Arbeiten bringen“, predigte Chirac. „Frankreichs Zukunft kann nicht darin bestehen, zu einem riesigen Freizeitpark zu verkommen“, stimmte Raffarin ein, der sich nicht mal genierte, damit Helmut Kohl zu zitieren. Die Franzosen waren empört: Wenn man zwei Kriege „gewonnen“ hat, ist es ja wohl das Mindeste, dass man die Siege auch feiert! Und Jahrestage lassen sich nun mal nicht wie Spielsteine verschieben! Das Projekt wurde eiligst zurückgezogen.

Am Donnerstag las ich auf der Terrasse des „Rostand“ ein Buch namens Bonjour Paresse, zu Deutsch „Guten Morgen, Faulheit. Von der Kunst und Notwendigkeit, im Betrieb so wenig wie möglich zu tun“. Ein Handbuch, in dem Frankreichs Angestellten erklärt wird, wie man sich in einem Land mit 35-Stunden-Woche und elf Feiertagen während der Arbeitszeit einen lauen Lenz macht. In Frankreich ist es der letzte Bestseller. Und nein, lieber Herr Eichel – dieses kleine, weise Büchlein ist noch nicht ins Deutsche übersetzt worden.

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“.

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