Meinung : Guter deutscher Sonderweg

Fußball zum Volkstarif: Die Bundesliga kann in Europa ein Vorbild sein

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Von Markus Hesselmann Florentino Perez sieht es so: „Real Madrid ist ein Weltkulturerbe.“ Was aus dem Mund eines Vereinspräsidenten erst einmal anmaßend klingt, ist für deutsche Fußballfans nicht so neu: Fußball gilt bei uns längst als Kulturgut. Wie die schönen Künste, so wird auch der Fußball in Deutschland subventioniert. Öffentlichrechtliche Fernsehgebühren sichern die finanzielle Grundlage der Klubs und im Gegenzug die „Grundversorgung“ der Fans. Die Zuschauer dürfen sich auch vor der heute beginnenden 43. Bundesliga-Saison auf alle Spiele und alle Tore im frei empfangbaren Fernsehen freuen.

Diese Saison ist ein Appetitanreger in 34 Gängen. Sie stimmt uns ein auf die Fußball-WM, das Über-Ereignis des kommenden Jahres. Die WM 2006 beschert der Liga einen Zuschauerboom und neue Stadien – oft öffentlich finanziert, zum Beispiel in Berlin. Selbst bei privat finanzierten Arenen wie in München oder Schalke kommt der Steuerzahler, ob Fußballfan oder nicht, für die Infrastruktur auf oder gibt den Planern mit Bürgschaften Sicherheit. Und am Spieltag schafft die öffentliche Hand mit Polizeibeamten Sicherheit rund ums Stadion. Auch das kostet Geld, Steuergeld. Das ist in Ordnung. So weit der Konsens bislang.

Doch manchen Fußballschaffenden in Deutschland reicht das nicht mehr. Ihr neidvoller Blick geht nach Spanien, nach Italien, nach England. Dorthin, wo Bezahlfernsehen, Aktienerlöse und die Überweisungen millionenschwerer Vereinseigner den Kickern ein besseres Auskommen sichern. Soeben hat Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandschef des FC Bayern München, die Öffentlich-Rechtlichen wieder unter Druck gesetzt, mehr Geld für die Übertragungsrechte zu zahlen. Ansonsten werde man zu den Privaten abwandern. Und außerdem werde es Zeit, dem Bezahlfernsehen wie anderswo in Europa mehr exklusive Übertragungsrechte zu verkaufen.

Ist Deutschland eine verspätete Fußball-Nation? Deutscher Sonderweg auch hier? Es ist Zeit, genau darin eine Chance zu erkennen. In anderen Ländern, auf die wir angeblich neidisch sein sollen, ist das Kulturgut Fußball unter die Räuber gefallen. In Italien hat sich Silvio Berlusconi – Regierungschef, Eigner des AC Mailand, Medienunternehmer – in dieser Woche die Übertragungsrechte an der Serie A gesichert. Die Zusammensetzung der italienischen Ligen mit ihren überschuldeten Klubs wird inzwischen fast stärker von Lizensierungsauschüssen und Sportgerichten bestimmt als von Ergebnissen auf dem Spielfeld.

In England machen sich russische Oligarchen und amerikanische Tycoons über Traditionsvereine wie Chelsea und Manchester United her. In Spanien schließlich hat Florentino Perez für Real Madrid eine Mannschaft voller Beckhams, Figos und Zidanes zusammengekauft, die sich durch ihre Arroganz den Fans entfremdete und von der Liste des Weltkulturerbes entfernt gehört.

Traditionsklubs geraten in die Abhängigkeit von Unternehmern und Großaktionären: Diese Gefahr droht auch in Deutschland. Die kommende Spielzeit ist nicht nur die Saison vor der WM, sie ist auch die Saison nach dem Beinahe-

Crash von Borussia Dortmund.

Niemand kann voraussehen, ob sich Bezahlfernsehen in Deutschland rentiert, wenn das Doppelte und Dreifache für Exklusivrechte bezahlt werden muss. Schon einmal ist die Bundesliga zu den Öffentlich-Rechtlichen zurückgekehrt, als Sat1 einsah, dass mit Fußball keine Gewinne zu erzielen sind. Was passiert, wenn die erneute Abkehr von ARD und ZDF im Desaster endet? Zu konservativ sind die Sehgewohnheiten der deutschen Fußballgemeinde.

Ebenso konservativ sollte auch die Haltung der Fußballschaffenden sein. Gerade der FC Bayern macht vor, wie weit man mit mittelständischem Unternehmerethos kommt. Dort halten ehemalige Fußballer einen Klub an der Spitze, ohne den Kollaps zu riskieren. Warum vertreten Rummenigge und Co. nicht selbstbewusst ihr Modell, statt nach englischen oder italienischen Verhältnissen zu rufen? Deutschlands Fußballchefs sollten erkennen, was sie an der Sportschau haben. Diese Sendung ist selbst Kulturgut. So etwas gibt man nicht leichtfertig aus der Hand.

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