Guttenberg : Habe die Ehre

25.02.2011 08:17 UhrVon Stephan-Andreas Casdorff
Nach wie vor beliebt: Verteidigungsminister zu Guttenberg mag in seiner Dissertation geschummelt haben. Viele Wähler stehen dennoch hinter ihm. Foto: DAPD
Nach wie vor beliebt: Verteidigungsminister zu Guttenberg mag in seiner Dissertation geschummelt haben. Viele Wähler stehen dennoch hinter ihm. - Foto: DAPD

Herr zu Guttenberg ist der beliebteste Politiker, nicht weil er der ehrenwerteste wäre. Der Mehrheit der zur Zeit befragten Bundesbürger ist das egal. Sie stellt ihn über Recht und Gesetz und Regeln.

Die Situation ist klar. 70 Prozent sind plagiiert, 30 Prozent sind – ausweislich der Fußnoten – kompiliert, sechs wissenschaftliche Gutachten des Bundestags sind in die Arbeit eingeflossen. Die Universität Bayreuth hat ihm deshalb den Doktorgrad aberkannt und prüft in der Ethik-Kommission, ob der Tatbestand der vorsätzlichen Täuschung vorliegt. Geprüft werden Zitierfehler und der Missbrauch fremder Gedanken. Geforscht wird, ob andere die verbliebene gedankliche Arbeit gemacht haben. Berichtet wird von ersten Strafanzeigen. Aber Herr zu Guttenberg ist ein ehrenwerter Mann.

Die Situation ist so. Jedem Kind, das www.hausarbeiten.

de einfach abkupfert, droht die Note Sechs oder sogar der Schulverweis. Jeder Offiziersanwärter, der einen Täuschungsversuch unternimmt, wird diszplinarisch belangt. Jeder Doktorand, der das Urheberrecht verletzt, wird oder bleibt nicht promoviert; Urteile aus der Zeit bis 2010 belegen, dass gegebenenfalls auch die Justiz eingeschaltet wird. Aber Herr zu Guttenberg ist ein ehrenwerter Mann.

Im Bundestag darf kein Abgeordneter einen anderen Abgeordneten Lügner, Heuchler, Hochstapler, Betrüger nennen, ohne dass er dafür einen Ordnungsruf des amtierenden Präsidenten erhält. Nur der Abgeordnete zu Guttenberg durfte so genannt werden, ohne dass einer der Präsidenten an diesem Tag eingegriffen hätte. Weil er kein ehrenwerter Mann ist?

Herr zu Guttenberg ist ein beliebter Mann. Es stehen noch sechs Landtagswahlen bevor, und überall dort, wo er auftritt, sind die Säle voll. Die Menschen wollen den Freiherrn sehen, der als Bundeswirtschaftsminister eine halbe Nacht lang die Ordnungspolitik verteidigt hat und wegen der Opel-Hilfe fast zurückgetreten wäre. Den jungen Herrn sehen, der sich wegen seiner Doktorarbeit einige Stunden in der anbrechenden Nacht mit Rücktrittsgedanken trug und nun in seinem Verhalten und Umgang mit dem, was unter dem Stichwort Affäre berichtet wird, Vorbildhaftes erkennt.

Herr zu Guttenberg ist der beliebteste Politiker, nicht weil er der ehrenwerteste wäre. Der Mehrheit der zur Zeit befragten Bundesbürger ist das egal. Sie stellt ihn über Recht und Gesetz und Regeln, weil der Politik ohnehin wegen langjährigen Treibens inzwischen unterstellt wird, dass sie auf sich die üblichen Maßstäbe nicht anwendet. Er stellt sich selbst außerhalb dieser Maßstäbe, indem er sich bis in die Sprache hinein von sich distanziert: Es gibt ein „Ich“, das zur Identifikation einlädt, und ein „Man“. Das lässt sich abspalten, von dem, der es abspalten will.

Ihm kommen die Umstände zugute. In der Politik ist das eine Opposition, die ihre inhaltliche Position nicht klarzumachen und zu verteidigen versteht. Und draußen im Lande ist es so: Den Vorwurf des Diebstahls versteht jeder, den des geistigen Diebstahls nur eine Minderheit. Den Vorwurf der Täuschung versteht auch jeder, aber nicht einmal eine Minderheit hat noch nicht geschummelt. Belügt sich nicht jeder Mensch von Zeit zu Zeit selbst? In Guttenberg kann sich die Mehrheit wiedererkennen.

Die Minderheit, die es nicht kann, die sich erregt über das Faktum der Doktor-Affäre, versteht nicht, dass sie über bürgerliche Werte und ihren Verfall, über den Wert der Wissenschaft und ihren Fall, zu intellektualisieren versucht, was andere nur emotionalisiert, ganz einfach so: Wer wünscht sich nicht, dass ihm gravierende Fehler verziehen werden?

„Ich habe einen schweren Fehler gemacht, den ich zutiefst bereue. Aber auch wenn ich ihn bereue, und mir alle Vorwürfe, die in dieser Situation berechtigterweise zu machen sind, immer wieder selbst gemacht habe, kann und will ich nicht darüber hinwegsehen, dass das Amt und meine Autorität beschädigt sind. Die Freiheit, ethische und politische Herausforderungen zu benennen, hätte ich in Zukunft nicht mehr so, wie ich sie hatte. Es tut mir leid, dass ich viele enttäusche, die mich gebeten haben, im Amt zu bleiben.“ Auszüge aus der Rücktrittserklärung von – Margot Käßmann. Ein Jahr ist es her. Ihr ist von der Mehrheit auch verziehen worden. Sie ist noch beliebter geworden.

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