Meinung : Habe den Mut

Zum Thema Zirkumzision

Schade, dass man manche Themen nicht so einfach beschneiden kann wie einen Strumpf, der einem zu lang geworden ist. Das Thema Beschneidung stopft jedenfalls gut das Sommerloch. Jüdischen Eltern die Beschneidung ihres Kindes aus gesundheitlichen Gründen zu verbieten, ist wohl dasselbe wie die christliche Taufe für medizinisch schädlich und damit juristisch strafbar zu erklären. Man könnte sich auch fragen, wozu noch an religiösen Riten festhalten in Zeiten, in denen künstliche Befruchtung und Genforschung auf der Agenda stehen.

Mediziner, Religionsfanatiker, Politiker und Juristen dürfen sich jedenfalls die Hände reiben, auf der Profilierungsbühne wieder einmal Chancen zu bekommen – würde über dieser nicht das heilige Schwert der Verdammnis der Deutschen durch den Holocaust hängen. Das typisch deutsche Problem. Wie die Sache auch ausgehen mag – selbst wenn Abertausende von jüdischen Kindern durch die Beschneidung gesundheitliche (Folge)Schäden erlitten – was bei der männlichen Zirkumzision im zarten Babyalter wohl kaum der Fall sein dürfte – , könnten deutsches Gesetz und Regierung es sich nicht leisten, sie zu verbieten – um nicht wieder als Judenhasser und -verfolger dazustehen.

Das mea culpa nach all den Reaktionen, welche die Debatte bislang

ausgelöst hat, muss allein schon aus diesem Grunde doppelt und dreifach

erfolgen.

Dr. Angelika Leitzke,

Berlin-Schöneberg

Meine Frau und ich sind auch in den 50er Jahren in Hessen aufgewachsen. Von Prügelstrafe in der Schule haben wir nichts erlebt oder gehört. Und auch die in der Tat etwas strengeren Erziehungsmethoden unserer Eltern waren nicht im Ansatz religiös legitimiert. Wenn Herr Osuch seine persönlichen Erfahrungen als Argumentationshilfe heranzieht, um vor dem Rückbau des Rechtsstaates zu warnen, scheint ihn dieses Thema noch sehr zu beschäftigen. Es wäre für Herrn Osuch wahrscheinlich hilfreicher gewesen, wenn er seine persönlichen traumatischen Kindheitserinnerungen individual bearbeiten würde anstelle den untauglichen Versuch zu unternehmen, zu diesem komplexen Thema einen weiterführenden Beitrag zu schreiben.

Eberhard Wege, Berlin-Spandau

Da seit Wochen die Beschneidung von Jungen als Verletzung der körperlichen Unversehrtheit bezeichnet und daher verboten wird, erlaube ich mir, einen Vergleich zu Vorsorgeimpfungen an Kindern zu ziehen. Auch diese werden immer wieder von Eltern abgelehnt mit dem Argument möglicher Nebenwirkungen. Diese sind allerdings sehr selten, wie auch bei Beschneidungen. Der gesundheitliche Nutzen überwiegt klar gegenüber den Risiken. Die Beschneidung mit elterlicher Prügel zu vergleichen, wie Bruno Osuch dies tut, halte ich hingegen für unzulässig, denn Erstere hat nichts mit Wut oder Strafe gemein.

Ich plädiere daher für eine routinemäßige Beschneidung von Jungen durch fachkundige Ärzte im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen. Hätte ich einen Sohn, ließe ich ihn beschneiden, aus oben genannten Gründen.

Eva Eckmiller, Berlin-Friedenau

„Sapere aude“ bedeutet nach Kant: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Wenn der Mensch altersbedingt (volljährig) kritisch genug ist, Angeboten – auch den Angeboten der drei abrahamitischen Religionen zu begegnen, soll er sich selbst entscheiden. Diese Freiheit darf ihm vorab niemand nehmen. Das zu erreichen, setzt aber eine Liberalisierung und ein Umdenken der archaischen Glaubensgemeinschaften voraus. Und da liegt das Problem.

Horst Volckmann, Berlin-Rudow

Rektor Osuch ist zuzustimmen, wenn er schreibt, dass man Rituale ändern kann. Seltsam aber, dass er nicht darüber spricht, a) dass man Gesetze ändern kann und b) dass man Definitionen ändern kann kann. Beides sollte man tun. Seltsam aber auch, dass Herr Osuch seine Argumentation noch schwächer macht, indem er Gegner sieht, wo es keine gibt: ich sehe nirgends Maulkörbe, auch sehe ich nirgends eine Tendenz, „jede Diskussion über die Sinnhaftigkeit und Veränderbarkeit von religiösem Brauchtum von vornherein zu ersticken“. Rektor Osuch sollte mehr Zeitungen lesen (inklusive die Leserbriefspalten), mehr Rundfunk hören und auch einen Blick ins World Wide Web tun.

Michael S. Cullen,

Berlin-Charlottenburg

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