Meinung : Hängen geblieben

Ein Jahr nach Pisa hat sich in den Schulen nichts getan

Tissy Bruns

Als die Ergebnisse des internationalen Bildungsvergleichs Pisa veröffentlicht wurden, gab es zur schlechten Nachricht eine gute. Das Erschrecken über die deutsche Bildungsmisere war groß und damit auch die Hoffnung auf Veränderungen. Ein Jahr später muss nüchtern festgestellt werden: Das Erschrecken war groß, aber es war nicht allgemein. Und deshalb ist wirkliche Besserung nicht in Sicht.

Bildungspolitiker, Lehrer, Eltern, Experten wissen nach diesem Jahr mehr darüber, was schief läuft in deutschen Schulen. Sie haben vernünftige Ideen entwickelt, was man ändern könnte. Die Kultusminister haben sich auf die Entwicklung nationaler Bildungsstandards verständigt. Pünktlich zum Jahrestag hat die zuständige Bundesministerin eine Studie vorgestellt, die das deutsche mit den Bildungssystemen fünf erfolgreicher europäischer Pisa-Länder und Kanada vergleicht. Der Befund bestätigt wichtige Einzelerkenntnisse: Die Schüler werden dort später auf verschiedene Schulformen verteilt, Kinder aus Migrationsfamilien werden konsequenter individuell gefördert, die Lehrer besser aus- und weitergebildet, nationale Bildungsstandards sind die Regel.

Was lässt sich daraus lernen? Leider nichts Zwingendes. Man kann von Gesamtschulen oder Gymnasien halten, was man will. Aber es steht fest, dass ein neuer Kulturkampf um das Schulsystem das Letzte ist, was Lehrer, Eltern und Schüler brauchen. Und tatsächlich weist die wichtigste Botschaft der neuen Vergleichsstudie nicht auf Organisationsfragen. In allen Pisa-Spitzenländern habe Bildung einen höheren Stellenwert als in Deutschland, hat Edelgard Bulmahn bei der Vorstellung gesagt. Das trifft den Kern: In Großbritannien, Schweden oder Finnland investiert die Gesellschaft mehr Interesse und Geld in die Schulen, mehr Respekt und Aufmerksamkeit in die Menschen, die in ihnen arbeiten und lernen. In Deutschland ist es ein Jahr nach einem anerkannt katastrophalen Befund über das Bildungswesen allein die Sache von Bildungsexperten, Lehrern oder Eltern, nach besseren Wegen zu suchen.

Die Schulen in Deutschland, ob nun Gesamtschulen oder Gymnasien, sind in eine Randrolle geraten. Das ist die deutsche Bildungskrankheit. Deshalb schaffen sie nicht, was in Finnland oder Schweden geht: Leistung und Integration.

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