Meinung : Hänsel, Gretel und die Bibel Der Kinderkanal erzählt

aus dem Buch der Bücher

Tissy Bruns

Kika weiß, was Kinder brauchen: Geschichten. In dieser Woche will der Kinderkanal eine vierteilige Bibel-Serie starten – eine Idee, die vielleicht helfen kann, einem großen Verlust der Kindheit von heute abzuhelfen. Seit je müssen Kinder einen Weg aus der wundervollen Täuschung der allerfrühesten Kindheit finden, der Mittelpunkt der Welt zu sein. Das ist schwer. Kleine Kinder haben deshalb einen unmittelbaren Drang zu allem, was bei den Großen unter dem gewichtigen Begriff von der Transzendenz steht. Wer mit dem Verlust des Zaubers fertig werden muss, das Ein und Alles zu sein, will sich vergewissern, dass sein begrenztes Leben mit Vorfahren und Nachkommen, Geschichte und Zukunft verknüpft und verbunden ist. Deshalb brauchen und lieben Kinder Märchen und Familiengeschichten, Berichte aus fernen Ländern, erfundene Allmachtsfiguren wie Karlsson vom Dach, Gegensatzfreunde wie Pünktchen und Anton, arme, gerettete Kinder wie Hänsel und Gretel oder das Mädchen mit den Zündhölzern, das im Himmel glücklich wird.

Mit dem hilfreichen Himmel ist es für die Kinder von heute nicht mehr weit her. Die Bibel erzählt von Adam und Eva, Kain und Abel, dem brennenden Dornbusch, den steinernen Tafeln mit den Geboten, den guten und den schlechten Jahren, von Hiob, Jona, dem Menetekel; sie erzählt die Weihnachtsgeschichte, von Bergpredigt, Passion und Auferstehung. Noch in den 50er und 60er Jahren waren die biblischen Geschichten auch in kirchenfernen und nichtreligiösen Familien gegenwärtig, durch den Kindergottesdienst, den Konfirmanden- oder Kommunionsunterricht, oder das Schulfach Religion.

Ganz unbemerkt und ohne Absicht ist die Kindheit, sind Eltern, Lehrer und Schule bibelfern geworden. Aber die Bibel ist nicht nur eine Sache der Gläubigen. Sie ist für alle Menschen unseres Kulturkreises die wichtigste Quelle über uns selbst, über unser Herkommen, unser Verständnis von Gut und Böse. Sie nicht zu kennen, das ist kultureller Analphabetismus. Mehr noch: Wenn die Bibel aus dem Alltag verschwindet, dann ist es, als ob ein langes endloses Gespräch, eine Überlieferung von Generation zu Generation abreißt. Kinder brauchen die Bibel, um zu verstehen, dass Menschen klein und einzigartig sind. Erwachsene natürlich auch. Hoffentlich bringt der Kinderkanal nicht nur, wie versprochen „Alltägliches zur Bibel“. Sondern auch David, wie er den starken Goliath besiegt. Kein Erwachsener kann diese Geschichte so glühend lieben wie ein vierjähriges Kind.

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