Meinung : Härte ist kein Abenteuer

UN-Generalsekretär Kofi Annan gibt Saddam nur eine Chance: einlenken, ohne Verhandlungen

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Von Malte Lehming

Es wird ernst für Saddam, und das spürt er. Plötzlich biedert er sich wieder bei den Vereinten Nationen an und lädt sogar Abgeordnete des US-Kongresses in sein Land ein. Doch die Amerikaner sind ebenso aus Erfahrung klug geworden wie UN-Generalsekretär Kofi Annan. Saddams Offerten wurden als ungenügend zurückgewiesen. Die Antwort des UN-Generalsekretärs war klar und eindeutig: Saddam muss die Waffeninspektoren wieder ins Land lassen – zu den Bedingungen der UN-Resolutionen. Da gibt es nichts zu verhandeln.

Auch Annan weiß, dass die Drohkulisse nur dann wirkt, wenn sie glaubhaft ist. Nur die deutsche Bundesregierung scheint sich dieser Einsicht in ihrer Verzweiflung zu versperren. Der Kanzler scheint dabei sogar bereit, sich gegen die Vereinten Nationen zu stellen. Auch im Falle eines UN-Mandats schließt der Kanzler eine deutsche Beteiligung an einem Krieg gegen den Irak aus.

In die Rethorik der Bundesregierung hat sich dabei ein neues Wort eingeschlichen. Es klingt nach Bungee jumping oder Russischem Roulette. Es schwingt Leichtsinn mit und Tollkühnheit. Das beschwörende Zauberwort der Regierung heißt „Abenteuer". Denn jeder weiß doch: Diese Amis, sie sind fixiert auf diesen Saddam, blind vor Eifer, besessen von ihrem Kampf gegen das Böse. Die Europäer hingegen: bedächtig, sachlich, die Risiken abwägend. Da fehlt die Sheriff-Mentalität. Da waltet reine Vernunft. So weit, so falsch. Den Amerikanern Abenteuerlust zu unterstellen, wenn es um die Bereitschaft zu einem Krieg geht, ist abwegig. Nirgendwo sonst werden alle möglichen Szenarien und Gefahren, die mit einem zweiten Golfkrieg verbunden wären, derart intensiv diskutiert wie in Washington. Seit Vietnam ist Schluss mit Risiko. Endgültig. Nach Somalia mussten die Amerikaner von einer Weltöffentlichkeit, die über den Hunger empört war, geprügelt werden. Für das Jugoslawien-Engagement bedurfte es der geballten Überredungskunst der Europäer.

Der Afghanistan-Krieg wurde minutiös geplant und ausgeführt. Die vorherrschende Stimmung zwischen State Department, Pentagon und Weißem Haus ist nicht Abenteuerlust, sondern Hypervorsicht. Das Bild von den Haudegen ist ein Klischee. Wie hartnäckig sich solche Klischees halten, ist erstaunlich.

Die Warnung vor einem „Abenteuer“ wird gewöhnlich mit drei Argumenten untermauert: die unabsehbaren Folgen für die Weltwirtschaft, für die Stabilität in der arabischen Welt und für den Nahostkonflikt. Ohne Zweifel haben die Gegner eines Irak-Krieges gute Gründe. Doch die Sicht der Befürworter wird in Europa kaum zur Kenntnis genommen. Die Ölpreise werden steigen, befürchten die Einen. Quatsch, sagen die Anderen, sie werden fallen. Wenn der Irak mit einer neuen politischen Führung, vom Westen unterstützt, seine Ölförderkapazitäten modernisiert, kann das Land statt zwei Millionen Barrel pro Tag bald fünf Millionen exportieren. Vielleicht gelingt es sogar, Saddam zu entmachten und gleichzeitig die Opec. „Buy one, get one free“, prognostiziert ein Kommentator der „New York Times".

Kommt als Zweites die Stabilität in der arabischen Welt. Der Reflex ist stets derselbe. Regelmäßig wird vor einem Aufstand der arabischen Massen gewarnt, der ebenso regelmäßig ausfällt. Saddam Hussein hat keine Freunde. Länder wie Jordanien, Saudi-Arabien, Iran und Kuwait profitieren zwar von dem gegenwärtigen Sanktionsregime und lehnen deshalb jede Änderung ab, im Kriegsfall jedoch wird keiner einen Finger rühren, um Saddam zu helfen.

Bleibt als Drittes der Nahostkonflikt. In Europa – und vor allem in Deutschland – lautet das Credo: Der Streit zwischen Israelis und Palästinensern muss entschärft sein, bevor der irakische Diktator ins Visier geraten kann. In Amerika dagegen setzt sich langsam die umgekehrte Logik durch: Wenn Saddam entmachtet ist, lässt sich auch der Nahostkonflikt leichter lösen. Wahrscheinlich haben beide Seiten Unrecht. Die Problembereiche Irak und Nahost haben weitaus weniger miteinander zu tun, als es scheint.

Die UN, das wird dieser Tage deutlich, sind offenbar nicht länger bereit, sich von Saddam Hussein hinhalten zu lassen. Von ihm hängt jetzt vieles ab. Einlenken, das ist wohl die letzte Chance, die der Diktator hat.

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