Meinung : Halb erschüttert, ganz zufrieden

Robbie Williams in der Entzugsklinik: Warum wir solche Geschichten brauchen

Malte Lehming

Zwischen Bafög und Rente liegt ein langes Berufs- und noch längeres Beziehungsleben. Wenn der Mensch jung ist, muss er rackern, um Berufschancen zu haben, ist er alt, fangen die Gebrechen an. Zum Ausgleich darf er dann mit der Seniorenkarte billiger Bahn fahren. Zu den Freuden des Alltags zählt der Durchschnittsbürger den Jahresurlaub und die Weihnachtsgratifikation. Am liebsten entspannt er sich vor dem Fernseher, obwohl ihn die Qualität der Programme oft wütend macht. Aufregendes, gar Sensationelles geschieht ihm allenfalls im Traum.

Den anderen geht es besser, den Reichen, Schönen und Mächtigen. Sie symbolisieren das, was der Durchschnittsbürger verpasst. Sie erfüllen sich ihre Träume. Sie leben das Leben, statt es zu simulieren. Sie bewegen Dinge, statt sich von ihnen bewegen zu lassen. Sie flanieren auf dem roten Teppich, statt ihn zu putzen. Und das Überraschendste: Man lässt sie gewähren. Kaum Neid schlägt ihnen entgegen, kein Aufstand fegt sie hinweg. Artig hat sich der Bürger mit Prominenz, Pomp und Protz arrangiert. Warum?

Weil es den Boulevard gibt, die Klatschpresse. Dort wird die Versöhnungsarbeit geleistet. Lustvoll wird dem Volk vermittelt, dass Glanz und Gloria zu teuer erkauft sind, um erstrebenswert zu sein. Erfolg und Elend liegen halt dicht beieinander. Glück und Glas, wie leicht bricht das! Robbie Williams in der Entzugsklinik, Tablettensucht, Depressionen. Anna Nicole Smith, Milliardärserbin, Model, stirbt mit 39 Jahren. Halb erschüttert, aber ganz zufrieden, nehmen wir Anteil an diesen Geschichten.

Marode und morbide ist die Glitzerwelt: Ob das stimmt, ist nebensächlich, genug Belege lassen sich immer finden – weil wir es so wollen. Nicht auszudenken, wenn die, denen es besser geht, auch noch glücklicher wären. Dann wäre unsere kleine Welt bedroht. Im deutschen Fernsehen liefen unlängst die Porträts von Auswanderern. Auch ihr Schicksal wurde überwiegend so geschildert, dass die neuen Probleme mindestens ebenso groß waren wie die alten Sorgen. Klug, schön, reich, gesund, mobil: Diese Kombination darf real nicht existieren. Sie wäre unerträglich.

Der gebildete Durchschnittsbürger geht manchmal ins Theater. Dort hört er, wie Danton in Georg Büchners Stück zu Camille sagt: „Das ist sehr langweilig, immer das Hemd zuerst und dann die Hosen drüberzuziehen und des Abends ins Bett und morgens wieder herauszukriechen und einen Fuß immer so vor den andern zu setzen; da ist gar kein Absehen, wie es anders werden soll. Das ist sehr traurig, und dass Millionen es schon so gemacht haben, und dass Millionen es wieder so machen werden, und dass wir noch obendrein aus zwei Hälften bestehen, die beide das nämliche tun, so dass alles doppelt geschieht – das ist sehr traurig.“ Nein, so traurig ist das gar nicht, dem Boulevard sei Dank.

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