Meinung : Hals über Kopf

Berichterstattung zum „Atomausstieg“

Wie viele Abgeordnete (in der Regel Juristen oder Politologen) wissen, was Grundlaststrom ist? Wissen die angeblich 80 Prozent der deutschen Wähler, die sich einen schnellen Atomausstieg wünschen, dass jede Kilowattstunde Strom nur wenige Sekunden vor ihrem Verbrauch produziert wird, da es nahezu keine Speichermöglichkeit gibt? Strom aus Wind und Sonne fließt manchmal und manchmal eben nicht. Darum muss jedes installierte Megawatt „Ökostrom“ noch einmal durch fossil betriebene „Schattenkraftwerke“ abgesichert, die Leistung also doppelt vorgehalten werden. Wer von Dutzenden neuer Pumpspeicheranlagen träumt, sollte sich bestehende Anlagen im Alpenraum ansehen (Kaprun, Walchensee): Planung, Genehmigungsvorlauf, Klageverfahren und Bau ähnlicher Anlagen würden sich heute leicht auf 15 - 20 Jahre addieren. Ähnlich wird es mit tausenden Kilometern neuer, noch zu planender Hochspannungs-Freileitungen geschehen. Klar, dass die Politik die Einspruchsrechte der Bürger hier gern abschaffen würde, wie auch bei Windparks. Landschaften werden so für immer zerstört, aber das spielt jetzt – wie bei den Großplantagen für „Energiepflanzen“ (Biomassekraftwerke) – keine Rolle mehr. Letztlich vertrauen Merkel, Seehofer und die übrigen neuen und alten Kernkraftgegner auf zukünftige tolle Erfindungen, die leider noch auf sich warten lassen (es sind ja auch noch 11,5 Jahre Zeit ...). Mehr Energieeffizienz als Rettung? Die hochmodernen sparsamen Kühlschränke helfen wenig, wenn in jedem Haushalt immer mehr Elektrogeräte laufen und die Bildschirme noch größer werden. Dazu wollen wir ja bald auch noch millionenfach mit Elektroautos fahren. Mehr Wärmedämmung von Gebäuden reduziert übrigens nicht den Stromverbrauch; vielmehr müssen die Schaumstoffe (aus Erdöl) bzw. die Mineralwolle dafür erst einmal mit viel Stromeinsatz rund um die Uhr hergestellt werden. Auf lange Sicht wird der jetzige Kurs entweder die teilweise Deindustrialisierung Deutschlands oder die Rückkehr zur Kohlewirtschaft bewirken. CO2-Problematik und Klimaschutz waren gestern, heute feiern wir das große Anti-Atom-Festival!

Rolf Knitter, Berlin-Zehlendorf

Die Großkonzerne haben es angesichts der Gefahr für Kanzlerin Merkel, politischen Selbstmord zu begehen, wenn sie den Atomausstieg noch weiter nach hinten schiebt, immerhin noch geschafft, ihre Pfründe zu sichern, indem der Ausbau dezentraler und erneuerbarer Energien nicht konsequent angegangen wird, sondern weiterhin auf Großkraftwerke gesetzt wird. Wenn wir aber den Teufel Atomkraft mit dem Beelzebub Kohle austreiben wollen, zerstören wir ebenso sicher die Welt, auf der wir leben. Dann eben nicht mit einem großen Knall á la Tschernobyl und Fukushima, sondern langsamer, schleichender, aber genauso sicher: Der CO2-Ausstoß und die damit unweigerlich folgende Klimaerwärmung wird zu Verteilungskriegen unter den Menschen führen und die Artenvielfalt der Schöpfung dramatisch sinken lassen.

Richtig, auch wirtschaftlich, wäre es gewesen, den Ausstieg mit einem viel massiveren Einstieg in Erneuerbare Energien und in Energiesparmaßnahmen zu verbinden. Aber dazu haben die Großkonzerne leider offenbar doch zu viel Macht, als dass unsere Politiker wirklich für das Wohl von Land und Volk entscheiden würden. Dann doch lieber zum Wohle der eigenen Taschen und Parteikassen.

Stefan Bluemer, Mülheim/Ruhr

Der Vergleich des Atomausstiegs mit einem Holterdipolter-Ausstieg ist so treffend. Wir können kaum sagen, was morgen sein wird, wie sollen da unumkehrbare Termine für den Ausstieg jetzt schon festgelegt werden? Jedes Naturereignis erfordert plötzlich ein Umdenken. Es gibt doch kaum noch Menschen, die nicht die Gefahren der Atomkraft anerkennen. Aber auch der CO2-Ausstoß althergekommener Kraftwerke, Bau neuer Stromleitungen, die Notwendigkeit von Strom zur Herstellung der geplanten Windräder, das und vieles mehr muss bedacht werden, und keiner kann sagen, wie viel Zeit man braucht, um das alles umzusetzen. Was ist denn in der rot-grünen Amtszeit geschehen? Weder die alternativen Energien noch die Suche nach guten Endlagern wurde intensiv vorangetrieben; aber jetzt brüsten sich vor allem die Grünen mit ihren Ideen. Aber wenn dann der beschlossene Zeitplan nicht eingehalten wird, dann erhält die Regierung von allen Seiten Kritik und Vorwürfe. Planen und umsetzen können, sind eben zwei Hüte. So sehe ich auch dem Atomausstieg im Jahre 2022 gelassen entgegen. Nur das, was machbar und finanzierbar ist, wird sich durchsetzen.

Christa Krüger, Berlin-Schöneberg

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben