Meinung : „Handel ist noch kein Mittel gegen Armut“

Dagmar Dehmer

Nach einem Jahr ist in Liberia natürlich noch keine „blühende Landschaft“ entstanden. Aber Ellen Johnson-Sirleaf hat sich in diesem ersten Amtsjahr auch noch keine großen Fehler geleistet. Nach einem 14 Jahre dauernden verheerenden Bürgerkrieg, bei dem etwa 250 000 Menschen umgekommen sind, ist das schon eine Leistung.

Aber eines ist für die Ökonomin sonnenklar. Wenn der Anteil Afrikas am Welthandel nicht steigt, wird es auch für die liberianische Wirtschaft sehr schwer, so zu wachsen, dass sie der Armut im Land effektiv zu Leibe rücken kann. Dafür wird sie wohl auch am Mittwoch in Berlin werben, wenn sie das Africa Partnership Forum der Weltbank beschließen wird.

Die 69-jährige sechsfache Großmutter hat gut angefangen. In ihren ersten Amtstagen ging sie persönlich ins Finanzministerium und warf kurzerhand alle Bediensteten raus. Wer sich keine Korruption habe zuschulden kommen lassen, dürfe zurückkommen, versprach sie damals. Ein Akt, der ziemliches Aufsehen erregte in einer Gesellschaft, in der Korruption zu den geradezu unverzichtbaren Überlebensstrategien gehört.

Dass die frühere Weltbankdirektorin damit noch keinen durchschlagenden Erfolg hatte, zeigt eine Meldung der UN-Presseagentur Irin. Darin wird beklagt, dass findige Liberianer erkannt haben, dass ausländische Spender gerne Geld für Waisenhäuser geben. Zwischen 1990 und heute stieg die Zahl der Waisenhäuser von drei auf 120. Der Haken: Viele Kinder in den Häusern sind gar keine Waisen. Sie sind entweder frühere Kindersoldaten, oder Kinder, die von armen Eltern einfach abgegeben werden, weil sie sie selbst nicht ernähren können. In einem Fall, den die Gesundheitsministerin selbst öffentlich gemacht hatte, sind einfach Nachbarskinder im Waisenhaus untergebracht worden, um ausländische Spenden zu werben. Das Haus wurde aufgelöst.

Die Geschichte zeigt vor allem eines: Liberia hat riesige Probleme. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als 80 Prozent. Der Staatshaushalt beträgt gerade mal 129 Millionen Dollar – damit käme in Deutschland noch nicht einmal eine mittlere Großstadt aus. Und die 3,6 Millionen Einwohner Liberias sind noch immer traumatisiert von einem barbarisch brutalen Krieg. Vier von fünf Frauen wurden vergewaltigt. Eine Wahrheitskommission hat im vergangenen Herbst die Arbeit aufgenommen. Ob sie zur Versöhnung beiträgt, ist noch offen.

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