Meinung : Handschlag ist gut, Vertrag besser

Malte Lehming

Es gab mal eine Zeit, in der den Russen nicht zu trauen war, grundsätzlich nicht. Das jedenfalls sagten die Regierungen im Westen. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: Der alte Lenin-Spruch hatte besonders in den USA Konjunktur. Dutzende Gremien plagten sich deshalb jahrelang mit dem Aushandeln von Abrüstungsverträgen, in denen jedes Detail im beiderseitigen Einverständnis geklärt werden musste. Konnten dann schließlich die Unterschriften gesetzt werden, begann die mühsame Überzeugungsarbeit daheim. Eine effektivere Form der Zeitverschwendung als die Abrüstungsverhandlungen der siebziger, achtziger und neunziger Jahre lässt sich kaum denken.

Wie radikal anders die Zeiten geworden sind, hat George W. Bush jetzt gezeigt. Der US-Präsident hat sich die alte Forderung der Friedensbewegung zu Herzen genommen und seinem neuen Freund, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, eine drastische einseitige Abrüstung versprochen. Um zwei Drittel will er in den kommenden zehn Jahren die Zahl der amerikanischen Atomwaffen reduzieren. Einfach so, ohne Gegenleistung, ohne Abkommen, ohne Hintertür. Würde die Welt sich nicht durch Terror, Afghanistan-Krieg und Milzbrand-Attacken im Ausnahmezustand befinden - in Deutschland kommen erschwerend die Regierungskrise und das WM-Qualifikationsspiel hinzu -, wäre diese Ankündigung als Sensation gefeiert worden.

Großherzigkeit verpflichtet natürlich, und Sanftmut steckt an. Also hat Putin wenig später ebenfalls zugesagt, zwei Drittel seiner Atomwaffen zu reduzieren. Ihm allerdings schien ein bloßer Handschlag zur Besiegelung zu dürftig. Irgendein Papier, ein offizielles Dokument, will er von seinem Besuch in Amerika mitbringen. Plötzlich sind es die Russen, die den Amerikanern nicht hundertprozentig vertrauen. Die Hochzeit ist gut, ein Ehevertrag ist besser: Das ist die aktuelle Version des alten Lenin-Spruches.

Dennoch markieren die gegenseitigen Abrüstungsversprechen eine historische Zäsur. Die Welt wird dadurch bedeutend sicherer und Russland stärker im Westen eingebunden denn je. Die Gefahren, die von dem russischen Atomwaffenarsenal ausgehen, sind enorm: Die Wartung ist mangelhaft, das Unfallrisiko hoch, bedingt durch die mafiösen Gesellschaftsstrukturen lassen sich auch Missbrauch und Diebstahl nicht ausschließen. Jeder Abbau verringert diese Gefahren. Das Lob dafür gebührt Putin nicht minder als Bush, der die Initialzündung gegeben hatte. Putin hat sich über die Bedenken seiner Nomenklatura hinweggesetzt, Bush über die Einwände wichtiger Kreise aus dem Pentagon. Sein Vorgänger Bill Clinton hatte in seiner achtjährigen Amtszeit aus eigenem Antrieb nicht einen einzigen Nuklearsprengkopf beseitigt.

Politisch wiederum mehren sich die Anzeichen, dass Putin eine strategische Entscheidung für den Westen getroffen hat. Er will, dass Russland ein Verbündeter Amerikas wird. Beschleunigt haben diese Einsicht der Terror sowie die Entwicklungen in China. 300 Millionen Moslems, nicht alle von ihnen freundlich gesinnt, leben im Süden Russlands, im Osten gehen 1,3 Milliarden Chinesen ihren eigenen, durchaus dynamischen Weg. Sich mit Peking oder Brüssel gegen Washington zu stellen, hat als Taktik ohnehin nie richtig funktioniert. Langfristig sind die Perspektiven für ein Russland, das sich fest an der Seite des Westens befindet, am günstigsten.

Der beste Lehrmeister ist die Erfahrung. Schmerzhaft mussten die Russen lernen, dass es ebenso falsch war, auf den Kommunismus zu setzen wie auf die Machthaber in Serbien, nutzlos war der Widerstand gegen die Osterweiterung der Nato, als gefährlich erweisen sich die Sympathien für den irakischen Diktator Saddam Hussein. Putin scheint fest entschlossen zu sein, die Liste der Fehleinschätzungen nicht zu verlängern. Ihm ist zu trauen, jeden Tag mehr.

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