Handy-Strahlung : Salzsäure am Ohr?

Ist Handy-Strahlung schädlich? Eine internationale Expertenkommission hat sich für ein klares "Jein" entschieden. In der Tat lässt sich das Risiko kaum einschätzen, weil wissenschaftliche Fakten fehlen. Bei Kindern ist aber auf jeden Fall Vorsicht geboten.

Alexander S. Kekulé

Handys sind schädlich für die Gesundheit, so viel steht wohl fest. Jedenfalls ist ein Drittel der Deutschen über 14 Jahre davon überzeugt. Wer kann sich nicht erinnern, wie er nach einem längeren Mobilfunkgespräch Kopfweh bekam? Oder eine merkwürdige Hitze am Ohr verspürte? Und gibt es nicht auch Studien, die Risiken für Krebs und Nervenschäden belegen?

„Alles Einbildung“, kontert die Mobilfunkindustrie, unterstützt von staatlichen Gesundheitswächtern, die Strahlung der Handys sei vollkommen ungefährlich. Die wenigen Studien, die etwas anderes behaupten, hätten methodische Fehler, seien teilweise sogar absichtlich gefälscht.

Der Markt bei Jugendlichen und Kindern hat riesiges Wachstumspotenzial. Ungebremst rollt die Handywelle deshalb auf die nächste Generation zu: Kids ohne Kommunikationskeule sind uncool. Um den Streit endlich beizulegen, legte die Bundesregierung vor sechs Jahren ein riesiges Forschungsprogramm auf. Mit 17 Millionen Euro Budget (davon die Hälfte von den Mobilfunkbetreibern) koordinierte das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) 54 Studien, um eine einzige Frage zu beantworten: Sind Handys schädlich, ja oder nein?

Vergangenen Dienstag kam die enttäuschende Antwort: Das unparteiische, internationale Expertenteam entschied sich für ein klares „Jein“. Zwar hätte man „bisher“ keine Hinweise auf Gesundheitsschäden durch Handys oder deren Sendemasten gefunden. Deshalb müssten die geltenden Grenzwerte für die Strahlung derzeit nicht korrigiert werden. Doch seien bei Kindern und bei mehr als zehnjährigem, intensivem Handygebrauch Schäden nicht auszuschließen. Deshalb sollte die Bevölkerung „vorsorglich“ zahlreiche Regeln beachten: Handytelefonate auf das Nötigste beschränken, Autos mit Außenantenne versehen, nicht im Zug telefonieren, Headsets benutzen und vor allem: „Handys gehören nicht in Kinderhand!“

Das hört sich nicht wie eine Entwarnung an – eher wie eine Gebrauchsanweisung für den Umgang mit Salzsäure.

In der Tat lässt sich das Risiko kaum einschätzen, weil wissenschaftliche Fakten fehlen. Die elektromagnetische Strahlung im Mobilfunk liegt bei Frequenzen um ein Gigahertz, ist also energieärmer und langwelliger als das Licht. Während energiereiche Röntgenstrahlen und Radioaktivität die elektrische Ladung von Atomen beeinflussen und dadurch Veränderungen der Erbinformation bewirken, können Handystrahlen nicht in chemische Prozesse eingreifen – sie sind „nicht ionisierend“ und können deshalb nicht unmittelbar Mutationen und Krebs auslösen.

Der geltende Grenzwert berücksichtigt daher nur die thermische Wirkung der Mobilfunkstrahlung, die nichts anderes ist als eine schwache Mikrowelle: Wie ein Mikrowellenherd erwärmt das Handy den Körper, indem es Wassermoleküle in Schwingung versetzt. In der EU dürfen Handys maximal eine Strahlungsleistung von zwei Watt pro Kilogramm in das Gewebe abgeben, das entspricht einer Erwärmung von höchstens 0,5 Grad (bei normaler Muskelbewegung steigt die Temperatur um mehr als zwei Grad). Diese minimale Erwärmung ist für Erwachsene höchst wahrscheinlich unschädlich.

Unklar ist jedoch das Risiko für Kinder, deren dünner Schädelknochen mehr Strahlung durchlässt. Durch Reflexionen im Gewebe kann es lokal zu stärkeren Erwärmungen kommen („Hot Spots“), wie im Brennpunkt eines Parabolspiegels. Zudem bewirken Handystrahlen auch „nicht thermische“ Effekte, beispielsweise Veränderungen der Nervenleitung und der Hirnströme im Elektroenzephalogramm. Wassermoleküle und andere elektrisch asymmetrische Zellbestandteile werden von der elektromagnetischen Welle hin- und hergerüttelt wie Blätter im Wirbelsturm. Ob das wachsende Gehirn dadurch geschädigt wird, ist bislang allerdings unklar.

Wer nicht auf die Ergebnisse der Langzeitstudien in 20 Jahren warten will, sollte sicherheitshalber den Handykonsum seiner Kinder begrenzen. Das reduziert übrigens auch die Stressbelastung, fördert die Kommunikation in der Familie und schont die Umgebung – Handys können nämlich Kopfschmerzen verursachen, so viel steht wenigstens fest.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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