Hans Enoksen : „Als ich Kind war, war das Wetter viel stabiler“

Der grönländische Regierungschef hat zwiespältige Gefühle ob des neuen Gletschertourismus.

Helmut Steuer

Hans Enoksen hat derzeit viel zu tun. Katastrophentourismus angesichts des immer deutlicher spürbaren Klimawandels hat ihm die ansonsten äußerst seltene Ehre verschafft, in den vergangenen Monaten Toppolitiker aus Nah und Fern auf seiner Insel begrüßen zu dürfen. Alle waren schon dort, selbst EU-Präsident Barroso, und nun Bundeskanzlerin Merkel, die auch noch Umweltminister Gabriel im Schlepptau auf die Gletscherinsel mitnimmt.

Hans im Glück? Der grönländische Regierungschef hat zwiespältige Gefühle ob des neuen Gletschertourismus. Heute und morgen darf er zwar der deutschen Delegation die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels auf Grönland vor Augen führen. Doch danach? Was ist, wenn der Tross wieder Richtung Berlin entschwindet? So war es auf jeden Fall in der Vergangenheit: Die Spitzenpolitiker zeigten sich besorgt, wenn sie Augenzeuge eines spektakulären Gletscherabbruchs wurden und versprachen sofortige Maßnahmen zur Eindämmung der CO2-Emissionen, die für den Temperaturanstieg auf der Erde hauptverantwortlich sind. Doch auf Grönland haben die Inuit, die Urbevölkerung, bislang nur wenig von den schönen Worten gehabt. Vielmehr schmilzt den 56 000 Einwohnern buchstäblich das Eis unter ihren Füßen weg. Damit verschwindet ihre wichtigste Lebensgrundlage, der Fischfang. Denn auf Grönland wird hauptsächlich vom Eis aus gefischt.

Auch Wissenschaftler schauen seit längerem mit großer Sorge auf die Auswirkungen des Klimawandels auf Grönland. Denn, wenn sich ihre Befürchtungen bewahrheiten, ist das angeblich ewige Eis bis 2040 verschwunden. Zwar würde dann Grönland seinem Namen als grünes Land wieder gerecht werden, doch andernorts kann man sich auf einen deutlichen Anstieg des Wasserspiegels einstellen.

Hans Enoksen wird als Chef der grönländischen Selbstverwaltung zwar erneut alles tun, um seinen Gästen die ganze Dramatik vor Augen zu führen. Allerdings muss befürchtet werden, dass Merkel und Co. während ihrer Stippvisite davon nur wenig mitbekommen. Für die Einwohner Grönlands bleibt das Prinzip Hoffnung. Hoffnung, dass den vielen Worten auch schnelle Taten folgen, um den Temperaturanstieg auf der Erde zu bremsen. Bereits vor zehn Jahren machten sie darauf aufmerksam, dass es selbst in den Wintermonaten kein tragfähiges Eis mehr auf der Disko-Bucht gibt. Niemand interessierte sich dafür.Helmut Steuer

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