Harald Martenstein : Ach du lieber Osterhase!

Mit kalten Wasser übergießen, Kasseler segnen lassen, Frauen schlagen: Es gibt schon seltsame Osterbräuche. Wie gut, dass wir den Hasen haben.

von
Martenstein
Harald Martenstein -Foto: Tsp

In Polen ist es so, dass sich am Ostermontag, unabhängig vom Wetter und den Außentemperaturen, viele Menschen gegenseitig mit kaltem Wasser übergießen. Dieser Brauch, der „Smigus-dyngus“ genannt wird, soll an die Taufe des polnischen Herrschers Miezko I. im Jahre 944 erinnern. In Griechenland dagegen müssen viele Griechen an Ostern eine spezielle Suppe essen, die aus den Innereien des Lammes hergestellt wird. In Tschechien und in der Slowakei ist es in einigen Gegenden üblich, dass die Männer die Frauen mit frisch geschnittenen Ruten verprügeln, in Tschechien heißt diese Rute „Pomlazken“, in der Slowakei trägt sie den Namen „Korbac“. Angeblich sorgen die Schläge dafür, dass die betreffende Frau lange schön bleibt und frisch wie eine Weidengerte, deshalb wird von den Frauen erwartet, dass sie den Männern dankbar sind und ihnen Geld für die Schläge bezahlen. Am nächsten Morgen aber dürfen sie sich revanchieren, indem sie über ihren noch schlafenden Männern einen Eimer kaltes Wasser ausleeren, ähnlich wie beim polnischen „Smigus-dyngus“. Auf diese Weise bleibt auch der Mann lange frisch und schön. In Finnland nimmt man statt des oder der „Pomlazken“ frische Birkenzweige, und der traditionsbewusste Finne schlägt damit nicht etwa seine Lebenspartnerin, sondern Freunde und Bekannte. Interessanterweise gab oder gibt es in Schlesien eine österliche Gewohnheit, die polnisches, finnisches und slowakisches Brauchtum in sich vereint. Dabei wird schlafenden Personen vorsichtig die Bettdecke hochgehoben, ihr Gesäß wird ganz sacht entblößt und sodann heftig mit Weidengerten geschlagen. Auf diese Weise gibt der Schlesier seiner unbändigen Freude über die Auferstehung des Herrn Ausdruck, auch die schlafenden Personen erstehen ja fast immer schnell auf. Auf den Philippinen aber werden, während die Osterglocken läuten, kleine Kinder am Kopf gepackt und, egal, wie sehr sie zappeln und jammern, am Köpfchen hochgehoben, bis die Glocken wieder verstummen. Dadurch, so heißt es, werden sie mithilfe des Herrn größer. Außerordentlich merkwürdig ist auch die Sitte der Kroaten, welche an Ostern Kasseler Rippenspeer – der in Kroatien natürlich anders heißt – in die Kirche tragen, der Pfarrer segnet mit all seiner Inbrunst den Kasseler Rippenspeer, anschließend wird er mit sehr viel Meerrettich und harten Eiern verspeist, denn an Menschen, die Rippenspeer mit Meerrettich essen, hat Gott ein Wohlgefallen.

Dies alles erzähle ich, um deutschen Lesern klarzumachen, was für einen großen Fortschritt an österlicher Lebensqualität und praktiziertem Humanismus die Erfindung des Osterhasen darstellt. Auch der endgültige Verlust Schlesiens erscheint einem an den Ostertagen verschmerzbar.

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