Harald Martenstein : Deutsche Kriegsweihnacht

Ist der Krieg in Afghanistan notwendig? Wenn es so wäre, müssten wir möglichst viele Soldaten dort hinschicken. Doch Angela Merkels Kunst besteht darin, sich durchzuwursteln. Harald Martenstein wünscht sich einen Kanzler, wie Helmut Schmidt es war - einen, der Entscheidungen trifft und den Mut hat, damit vor das Volk zu treten.

Harald Martenstein

Dies ist, seit Menschengedenken, die erste deutsche Kriegsweihnacht. Mit diesem Satz meine ich, dass den meisten Deutschen, seit den Ereignissen von Kundus, zum ersten Mal wirklich bewusst ist, dass unser Land Krieg führt, und was das bedeutet.

Jahrzehntelang hieß es auch: „Deutschland ist kein Einwanderungsland.“ In Wirklichkeit waren längst Millionen von Einwanderern da. Jetzt haben wir es mit einer verlorenen Generation zu tun. Hunderttausende Leute ohne Bildung, ohne Aufstiegschancen, ziemlich wütend, und mit dem Bewusstsein im Kopf, dass dieses Land nicht ihr Land ist. Denn Einwanderer wollte es ja nicht haben. Man könnte sagen: Deutschland war ein Einwanderungsland, aber die Probleme, die so etwas mit sich bringt, wurden verdrängt, solange es irgendwie ging.

Krieg bedeutet, dass sogenannte Unschuldige getötet werden. Das lässt sich nicht verhindern, auch nicht mit noch so vielen Untersuchungsausschüssen. Noch nie in der Geschichte hat es einen Krieg ohne unschuldige Opfer gegeben. Und was heißt überhaupt „unschuldig“? Sind alle Soldaten „schuldig“, die, möglicherweise nicht ganz freiwillig, für eine verrückte oder verbrecherische Sache an irgendeine Front gestellt werden?

Manchmal sind Kriege notwendig, in dieser Hinsicht teile ich die Ansichten von Barack Obama. Aber ist Afghanistan so ein Fall? Wenn es so wäre, wenn es zu diesem Krieg keine Alternative gäbe, dann müssten wir möglichst schnell möglichst viele Soldaten dorthin schicken, dann dürften wir keine halben Sachen machen, sondern müssten dafür sorgen, dass wir gewinnen. Die letzte große Auseinandersetzung, die mit dem Kommunismus, hat der Westen allerdings auf eine andere Weise gewonnen, durch die Anziehungskraft von Wohlstand, Freiheit und Popkultur, bei gleichzeitiger militärischer Abwehrbereitschaft. Warum sollte das mit dem islamischen Fundamentalismus nicht gelingen?

Wir sind im Krieg, aber wir verdrängen auch diesmal wieder. Wir beschäftigen uns mit den Details einer fragwürdigen Militäroperation, aber über die entscheidenden Fragen wird erstaunlich wenig gesprochen. Müssen wir diesen Krieg führen? Was sind unsere Ziele? Sind diese Ziele realistisch? Welche Opfer sind wir bereit zu bringen? Welche nicht? Angela Merkels Regierungskunst besteht daraus, abzuwarten, zu beschwichtigen, auszuweichen, zu schweigen, Klarheit zu vermeiden, sich taktisch geschickt durchzuwursteln. Ich will das nicht abwerten. Damit kann man einiges erreichen. Aber jetzt, in einer Kriegszeit, wo es um Leben und Tod geht, wäre ich froh, wenn wir einen Kanzler hätten wie Helmut Schmidt, der sagt, was er denkt, der klare Entscheidungen trifft, sie klar begründet und den Mut hat, damit vor das Volk zu treten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben