Harald Martenstein : Diskriminierung und Gerechtigkeit

Aus gegebenem Anlass hat sich Harald Martenstein gefragt: Was ist eigentlich Diskriminierung? Was versteht man unter diesem Begriff?

Harald Martenstein.
Harald Martenstein.Foto: dpa

Man hört oft, dieser wird diskriminiert, jene wird diskriminiert. Man hört die ganze Zeit dieses Wort. Ich kam zu dem Ergebnis: Diskriminierung heißt, dass jemand Nachteile erleiden muss wegen Eigenschaften, an denen diese Person nichts ändern kann. Jemand kriegt, nur wegen der Hautfarbe, eine bestimmte Wohnung nicht. Jemand wird vor allem wegen des Geschlechtes nicht befördert. Jemand fliegt aus dem Job, nur, weil er oder sie alt ist. Das ist Diskriminierung.

Wenn jemand Nachteile erleidet wegen Dingen, die er oder sie ändern könnte oder zu verantworten hat, dann handelt es sich meiner Meinung nach nicht um Diskriminierung. Zum Beispiel, jemand bekommt eine Wohnung nicht, weil diese Person zum Besichtigungstermin stark betrunken oder extrem ungeduscht erscheint, da kann man nicht von Diskriminierung sprechen. Oder ein Schüler bekommt schlechte Noten, weil er nicht lernt. Das ist keine Diskriminierung, selbst dann nicht, wenn der Schüler einen Migrationshintergrund hat. Er könnte ja lernen. Das ist nicht unmöglich. Auch wenn jemand nicht befördert wird, weil eine andere Person irgendwie besser ist, lässt sich meiner Ansicht nach das Wort Diskriminierung nicht verwenden. Der richtige soziologische Fachbegriff für all diese beschriebenen Phänomene lautet nicht Diskriminierung, sondern Gerechtigkeit. Wenn Leute, die sich anstrengen, am Ende etwas besser dastehen als Leute, die sich nicht anstrengen, dann ist dies nicht diskriminierend, sondern gerecht.

Wenn man jetzt zum Beispiel sagt: Eine bestimmte Personengruppe, sagen wir, die Architekten, ist problematisch. Architekten werden – das ist nur ein theoretisches Beispiel! – laut Statistik im Durchschnitt häufiger kriminell als Anwälte oder Theologen. Architektenkinder haben oft Schulprobleme, sie machen seltener Abitur als die Soziologensprösslinge. Interessanterweise sprechen die Kinder von Architekten häufig nur gebrochen deutsch. Bei den Architekten scheint etwas schiefzulaufen, die müssen an sich arbeiten. Wenn nun jemand kommt und sagt: „Darauf herumzuhacken ist Diskriminierung!“, dann würde dies ja bedeuten, dass den Architekten die Kriminalität, das Schulproblem und das Sprachproblem angeboren sind. Sie können nichts daran ändern. Deswegen darf man sie nicht benachteiligen oder ausschimpfen, sie sind halt so. Diskriminiert werden kann man nur wegen Eigenschaften, an denen man nichts ändern kann, oder? Das heißt, wer sich über Diskriminierung beschwert, muss sich das vorher genau überlegen. Es kann sein, dass man sich dadurch selbst in ein sehr schlechtes Licht setzt.

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