Harald Martenstein : Länder verändern sich

Dass der Islam heute zu Deutschland gehört, ist eine banale Tatsachenfeststellung, weiter nichts. Bevor man damit anfangen kann, Probleme zu lösen, muss man, erster Schritt, die Tatsachen akzeptieren.

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Ein Junge betet in einer Hamburger Moschee. Foto: rtr
Ein Junge betet in einer Hamburger Moschee.Foto: rtr

Die Formulierung, über die ich mich in den vergangenen Wochen am meisten gewundert habe, hieß „christlich-jüdische Tradition“. Angeblich haben wir in Deutschland eine „christlich-jüdische Tradition“, die ist prima, pumperlgesund und steht auf Platz eins der Sonntagsreden-Hitparade. Unsere christlich-jüdische Tradition lassen wir uns von den Muslimen nicht kaputt machen. He, Leute, seid ihr meschugge? Die christlich-jüdische Tradition in Deutschland bestand bis vor ein paar Jahrzehnten aus Diskriminierung, Mord und Totschlag. Die erfreuliche christlich-jüdische Tradition in Deutschland ist rekordverdächtig, es ist eine der jüngsten Traditionen, die weltweit bekannt sind.

Vor, sagen wir, 100 Jahren hat man den Juden gern vorgeworfen, dass sie Deutschland unterwandern und heimlich alle miteinander verbündet sind und, halten Sie sich fest, man hat ihnen auch vorgeworfen, dass sie terroristische Anschläge planen, alle miteinander. Klingt recht vertraut. Heute gibt es relativ wenige Juden in Deutschland, und nun wollen wir uns mal eine Minute lang vorstellen, nur so zum Spaß, was los wäre, wenn heute in Deutschland vier bis fünf Millionen Juden leben würden. Ich werde den Gedanken einfach nicht los, dass ein Politiker, der Emotionen schüren möchte, um Wahlen zu gewinnen, also ein populistischer, skrupelarmer Typ, sagen wir mal, ein Seehofer, dass so jemand also heute hin und wieder die eine oder andere Anti-Juden-Rede halten würde. Anti-Juden-Reden sind ja von jeher einer der wichtigsten Bestandteile der deutsch-jüdischen Tradition. Aber mangels Masse lohnt sich das nicht mehr. Das ist keine Unterstellung, nur ein Gedanke von mir, wir haben ja Gedankenfreiheit.

Dass der Islam heute zu Deutschland gehört, ist eine banale Tatsachenfeststellung, weiter nichts. Wenn jemand „dazugehört“, kann dieser Jemand übrigens durchaus Probleme bereiten. Auch die Insassen der Strafanstalten, jedweder Konfession, gehören zu Deutschland, die Junkies gehören zu Deutschland, die Bettler, die Buddhisten, die Millionäre und die Stripperinnen. Angela Merkel ist auch die Kanzlerin der Alkoholiker, der Exhibitionisten und der Bettnässer, oder wollen wir die alle ausbürgern? Will allen Ernstes irgendwer Leute mit deutschem Pass zu Deutschen zweiter Klasse erklären, nur, weil sie die falsche Religion haben?

Es stimmt: Vor 100 Jahren gab es in Deutschland wenige Muslime, der Islam gehörte damals nicht zu Deutschland. Es ist erstaunlich, aber wahr: Länder verändern sich. Auf Mallorca sitzen Deutsche im Parlament, in den Vereinigten Staaten wird Spanisch zur zweiten Landessprache, und bevor man damit anfangen kann, Probleme zu lösen, muss man, erster Schritt, die Tatsachen akzeptieren.

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