Harald Martenstein : Wen soll ich nur wählen?

"Alle Menschen gehören zu Berlin": Die Wahlprogramme der Parteien gibt es jetzt auch in Leichtdeutsch. Harald Martenstein hat sich das durchgelesen. Dabei ist ihm fast der Laptop vom Schreibtisch gefallen.

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Harald Martenstein.
Harald Martenstein.Foto: dpa

Ich weiß nicht, was ich wähle. Also habe ich mir im Internet die Wahlprogramme angeschaut. Dabei konnte ich feststellen, dass es jetzt eine neue Sprache gibt in Deutschland, Leichtdeutsch. Mehrere Parteien bieten ihr Programm in „leichter Sprache“ an. Man kann das Programm der SPD unter anderem auf Deutsch, Vietnamesisch, Arabisch oder auf Leichtdeutsch bekommen. Zeichensprache – für Analphabeten – haben sie nicht.

Bei der SPD klingt es auf Leichtdeutsch so: „Das Wahl-Programm ist von der SPD. Wir sind eine Partei. Unsere Ziele sind: 1. Gute Arbeit für Berlin.“ Da habe ich mich gefragt, wie ein Mensch, der nicht weiß, dass eine SPD eine Partei ist, überhaupt wissen kann, was unter einem „Wahl-Programm“ zu verstehen ist, und ob so eine Person überhaupt in der Lage ist, eine SPD im Computer zu finden. Inhaltlich bin ich einverstanden. Gute Arbeit für Berlin, das ist auch mein Ziel, insofern bin ich ein sozialdemokratisches Urgestein. Die SPD schreibt in ihrem Leichtprogramm weiter: „Alle Menschen gehören zu Berlin. Deshalb ist die Stadt so schön.“

Da ist mir fast der Laptop vom Schreibtisch gefallen. So etwas Empörendes habe ich ja noch nie gelesen! Alle Menschen gehören zu Berlin? Meine Kölner Tante gehört bestimmt nicht zu Berlin, das will sie gar nicht, damit geht es schon mal los. Sie weigert sich. Und wenn alle Menschen zu Berlin gehören, alle, auch die Chinesen, dann müsste man ja die Berliner Stadtgrenzen bis hinter Peking ausdehnen. Alle Menschen gehören zu Berlin – das hat auch Adolf Hitler gesagt, oder? Mit dieser Begründung hat er den Krieg angefangen! Und wenn alle Menschen zu Berlin gehören, dann gehört doch auch die Mafia zu Berlin. Die SPD sagt im Grunde: „Die Mafia gehört zu Berlin. Deshalb ist die Stadt so schön.“ Damit kann ich mich nicht identifizieren.

Daraufhin habe ich mich dem Programm der CDU zugewandt. Die CDU fordert, Seite 4, dass in Berlin in Zukunft „Wartezeiten bei Ärzten unbekannt sind“. Ja, sollen die Ärzte denn alle Patienten gleichzeitig dran nehmen? Anders lässt sich dieser Programmpunkt nicht umsetzen. Und wenn es am Ende doch eine rotschwarze Koalition gibt, und dann, in Verwirklichung des SPD-Programms, alle Menschen zu Berlin gehören, und alle kranken Menschen der Welt in Berlin gleichzeitig zum Arzt in das Sprechzimmer gehen, weil die CDU Wartezeiten verboten hat, dann gute Nacht, Marie. Die Grünen aber fordern im Programm auf Leichtdeutsch: „Jeder Mensch kann in jedes Haus gehen. Es muss für jeden Menschen leicht sein, in das Haus zu kommen.“ Das ist ja furchtbar! Und wenn die Grünen es mir noch so sehr verbieten, ich werde die Wohnungstür nachts immer schön abschließen.

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