Harald Martenstein : Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Der tiefe Fall von Ex-Umweltminister Norbert Röttgen beweist: Man muss im Leben auch mal ein Risiko eingehen. Wer das nicht tut, ist der Welt, ihren Zufällen und Angela Merkel schutzlos ausgeliefert.

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Die Wahlschlappe in NRW kostete Norbert Röttgen sein Amt als Umweltminister.
Die Wahlschlappe in NRW kostete Norbert Röttgen sein Amt als Umweltminister.Foto: dpa

Wir habe gerade in der Politik eine Tragikomödie erlebt. Es gab diesen Minister und angeblichen Kronprinzen, Röttgen. Er wollte Landeschef von Nordrhein-Westfalen werden, aber er wollte gleichzeitig vermeiden, dass er am Ende, im Falle einer Niederlage, mit leeren Händen dasteht. Und genau deswegen, weil er es unbedingt vermeiden wollte, ist es ihm passiert. Wenn er sein Umweltministerium aufgegeben hätte, um sich ganz der Kandidatur zu widmen, dann hätte er nahezu garantiert ein etwas besseres Ergebnis erzielt. Er wäre höchstwahrscheinlich mindestens Vorsitzender des wichtigsten Landesverbandes seiner Partei geblieben, er hätte immer noch eine Zukunft.

Man muss im Leben manchmal ein Risiko eingehen. Das ist die Botschaft dieser Geschichte, die gerade in Nordrhein-Westfalen passiert ist. Wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt drin um.

Die vielleicht beste Theorie zum Risiko stammt von dem Soziologen Niklas Luhmann. Die meisten Leute denken, das Gegenteil von „Risiko“ heiße „Sicherheit“. Wenn ich kein Risiko eingehe, bin ich sicher. Das stimmt aber gar nicht. Das Gegenteil von „Risiko“ heißt, laut Luhmann, „Gefahr“. Wenn ich etwas tue, egal was, gehe ich immer ein Risiko ein. Scheitern ist immer möglich, unerwartete Ereignisse sind immer möglich. Tue ich aber nichts, dann geht rund um mich herum die Welt natürlich trotzdem weiter, mit dem Unterschied, dass ich, weil ich mich passiv verhalte, der Welt, ihren Zufällen oder auch Angela Merkel schutzlos ausgesetzt bin. Wer ein Risiko eingeht, kann kämpfen und so die Dinge immerhin ein bisschen steuern, wer kein Risiko eingeht, muss sich überraschen lassen.

Luhmanns Lieblingsbeispiel dreht sich um den Regenschirm. Wer einen Regenschirm mitnimmt, riskiert, den Regenschirm irgendwo zu vergessen. Es ist unmöglich, gleichzeitig vor dem Risiko sicher zu sein, dass man nass wird, und vor dem Risiko sicher zu sein, den Regenschirm zu verlieren.

Norbert Röttgen ist, glaube ich, typisch für uns heutige Deutsche, das Wort „Risiko“ klingt furchterregend in unseren Ohren. Wenn man sich aber die Karriere von Angela Merkel anschaut, dann sieht man, dass sie immer wieder Risiken eingegangen ist, das größte davon, als sie das Signal zum Sturz von Helmut Kohl gegeben hat. Wenn sie das Gefühl hat, dass sie bei einem Spiel eher gewinnen könnte, als zu verlieren, dann macht sie es. Ohne Risiko gewinnt keine Fußballmannschaft ein Spiel, ohne Risiko wird bei Günther Jauch niemand Millionär, ohne Risiko wird selten ein gutes Buch geschrieben, ohne Risiko ist das Leben furchtbar langweilig. Deshalb ist der Minister Röttgen jetzt weg, und Angela Merkel ist immer noch da.

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