Meinung : Harter Schongang

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Von Alfons Frese

Auf in den Kampf ziehen nun auch die Metaller in Berlin und Brandenburg. Jedenfalls ein Teil von ihnen. In 25 Betrieben will die IG Metall in dieser Woche rund 10 000 Mitglieder streiken lassen. Damit geht die Tarifauseinandersetzung in eine neue Runde. Das bisherige Arbeitskampfgebiet Baden-Württemberg wird im Osten erweitert; zur wirtschaftsstarken Region um Stuttgart kommt das industrielle Notstandsgebiet Berlin-Brandenburg. Ob dadurch der Einigungszwang größer, der Streik kürzer wird? Oder gibt der Ausstand der Arbeiter den schwachen Ostbetrieben den Rest?

Eine Woche Streik ist vorüber - und hat nichts gebracht. Die IG Metall beharrt auf einer Vier vor dem Komma, die Arbeitgeber verweigern ein neues Angebot, das über das Volumen der bislang präsentierten 3,3 Prozent hinausgeht. Rund 100 000 Metaller haben bislang die Arbeit ruhen lassen - für kurze Zeit und in täglich wechselnden Betrieben. Mit dieser so genannten Flexi-Strategie verhindert die Gewerkschaft Auswirkungen auf unbeteiligte Betriebe. Gleichzeitig plätschert der Arbeitskampf aber auch reichlich friedlich dahin.

Vielleicht ist das ein Zugeständnis von Klaus Zwickel an Gerhard Schröder: Wir streiken zwar, aber das machen wir so harmlos, dass den Unternehmen und dem Aufschwung und damit der Wiederwahl unseres Bundeskanzlers keine große Gefahr droht.

Ein Arbeitskampf im Schongang ist zwar schön, hat aber Nachteile. Bis die Arbeitgeber es leid sind und die fehlenden Zehntelprozentpunkte drauflegen, können Wochen vergehen. Und je mehr Zeit ins Land geht, desto schwieriger wird es auch für die Gewerkschaftsbosse, ihre Truppen unter Kontrolle zu halten und ihnen einen Kompromiss als Erfolg zu verkaufen. Die Einbeziehung von Berlin und Brandenburg macht die Sache nicht leichter, denn nun müssen die Verhandlungskommissionen in Stuttgart, wo irgendwann der Pilotabschluss kommen wird, die Belange des Ostens mit berücksichtigen. Aus Sicht der IG Metall betrifft das vor allem die Arbeitszeit, die in den Ostbetrieben drei Stunden die Woche länger ist als im Westen. Doch es ist kaum vorstellbar, dass die Baden–Württembergischen Metaller auf Lohnzuwächse verzichten, um ihren Kollegen im Osten kürzere Arbeitszeiten zu ermöglichen.

Für Berlin und Brandenburg als Streikbezirk spricht vielmehr taktisches Kalkül an der IG-Metall-Spitze. Der Berliner Streikführer Hasso Düvel ist der treueste Gefährte des stellvertretenden Gewerkschaftsvorsitzenden Jürgen Peters. Peters will im nächsten Jahr Nachfolger von Klaus Zwickel werden – ebenso wie der Stuttgarter IG Metall-Boss Berthold Huber. Mit Beginn des Arbeitskampfes in Berlin und Brandenburg wird Huber nun keinen Abschluss mehr ohne Absprache mit Düvel machen können. Die Profilierungsspielräume des Stuttgarters sind so eingeschränkt, Peters hat die besseren Karten.

Peters und Düvel stehen für die härtere Linie, ein Abschluss unter vier Prozent ist bei ihnen kaum vorstellbar. Auf der anderen Seite sind die Arbeitgeber zu Recht nicht bereit, über die Vier-Prozent-Hürde zu springen. Eine zusätzliche Personalkostenbelastung in der Größenordnung würde mit Sicherheit Arbeitsplätze gefährden.

Vielleicht hauen die Chefs den Knoten durch. Zwickel und Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser sollen vor kurzem fast schon eine Lösung um die 3,8 Prozent gefunden haben, die aber offenbar einigen Unternehmen zu teuer war. Das sollte die Spitzenfunktionäre nicht von einem zweiten Anlauf abhalten. Auch deshalb, weil der Unternehmer Kannegiesser hohes Ansehen im eigenen Lager genießt und dort einen Kompromiss verkaufen kann. Und auch deshalb, weil Zwickel eigentlich keinen Streik wollte und weil er eindeutig Huber als seinen Nachfolger präferiert.

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