Meinung : Hauptsache, wir regieren

Von Matthias Schlegel

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Mehr als ein Jahrzehnt lang schien es, als sei die PDS ohne ihren charismatischen Kopf Gregor Gysi nicht überlebensfähig. Und in der Tat: Hatten die Gegner schon Anfang der 90er Jahre der SEDNachfolgepartei vorausgesagt, dass sie sehr bald in der politischen Bedeutungslosigkeit versinken werde, war es vor allem dem taktischen Geschick und der medienwirksamen Chuzpe des langjährigen Parteivorsitzenden zu verdanken, dass die PDS heute mit dem trotzigen Triumph eines linken Songs behaupten kann: „Da sind wir aber immer noch …“ Hätte jemand in den Wendezeiten den Westberlinern prophezeit, dass sie einmal von der „Ausgründung“ jener Partei mitregiert würden, deren Köpfe gerade zum Teufel gejagt wurden – er wäre ausgelacht worden. Doch die deutsch-deutsche Geschichte hatte seit 1990 neben dem Grundirrtum, dass aus der Saat der D-Mark umgehend blühende Ost-Landschaften heranwachsen würden, auch diese andere Fehleinschätzung zu verkraften: Dass die „Partei des Demokratischen Sozialismus“ auf dem ausgezehrten Boden der Vorgängerpartei rasch verdorren würde. Inzwischen hat sie es in die Regierungsverantwortung geschafft. Der Parteitag in Berlin am Sonntag hat deutlich gemacht, dass es dazu heute des geistigen und mentalen Führungskopfes Gysi nicht mehr bedarf. Als sei es eine makabre Bestätigung dieses Befundes, hat sich Gysi im Vorfeld des Parteitages mit einer erneuten Herzattacke ins Krankenhaus begeben müssen. Seine politische Karriere scheint endgültig vorbei zu sein. Gysi hat der Partei mit einem an Selbstverleugnung grenzenden Pragmatismus den Weg in die Regierungsverantwortung gewiesen. An ihm sind die Flügelkämpfe, die Attacken der Betonköpfe und die linksillusionären Hirngespinste der Marxisten ebenso abgeprallt wie die Anfeindungen durch diejenigen, die in den Wunden der Vergangenheit rührten. All das scheint die PDS heute verinnerlicht zu haben: Nur keine hohlen Debatten mehr – Hauptsache, wir regieren. Dieser Kurs der freundlichen Beliebigkeit scheint so lange erfolgreich zu sein, solange die Partei für Koalitionspartner als Mehrheitsbeschaffer attraktiv ist und still hält. Ziehvater Gysi dürfte Freude an seinen Sprösslingen haben.

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