Meinung : Hauptstadt-Selbstbewusstsein

„Berlin bleibt nicht Berlin" vom 16. Januar

Ich war noch niemals in Schanghai, ich war noch niemals in Dubai ...

Ich befürchtete, völlig frustriert von dort zurückzukommen, mit all den Eindrücken ästhetischer himmelstürmender Bauwerke, rasanter neuer U-Bahnen und Verkehrswege, Geschäftigkeit und Zukunftsglaube allerorten. Frustriert, weil wir hier in Stuttgart tausend Polizisten allein zum Aufstellen des Bauzauns für Stuttgart 21 brauchen. Das ist nicht der Preis der Demokratie, wie manche sagen, nein, das ist Preistreiberei von Scheindemokraten.

Davon hebt sich nun wohltuend Ihr Bericht über Städtebau und Entwicklung der Infrastruktur in Berlin ab. Zunächst empfinde ich es – insbesondere nach den Medienerfahrungen in Stuttgart – als beglückend, dass diese Zeitung es vermag, über eine als positiv erkannte Entwicklung positiv zu berichten. Sie suggerieren den Menschen nicht, dass das alles mit Schmutz, Lärm und Umleitungen verbunden und daher und sowieso abzulehnen sei.

Denn die Menschen in zwanzig Jahren haben einen Anspruch darauf, dass wir heute richtige und zukunftsfeste Entscheidungen treffen.

Es sieht ja fast nach Aufbruch aus, und das ist Berlin wahrlich zu gönnen, dieser geschundenen Stadt, wenn man mal den Bogen von den jahrelangen Zerstörungen des Krieges, vollendet durch die DDR-Planer, über die Berliner Blockade, das Chruschtschow-Ultimatum und 28 Jahre Mauerdasein bis zu den Mühsalen der Hauptstadtwerdung spannt.

Wir alle sollten dazu beitragen, dass die Einsicht in notwendige Veränderungen zu einem echten Hauptstadt-Selbstbewusstsein erstarkt, wenigstens dort.

Wolf Bonitz, Stuttgart

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