Meinung : Hauptstadtstreit?: Berlin - selbstverständlich

Manchmal sind es Kleinigkeiten, an denen sich große Veränderungen zeigen. Es kann, zum Beispiel, die Meldung von der Einstellung einer Zugverbindung sein. Künftig werden am Wochenende, so war zu lesen, keine Beamten-Sonderzüge mehr zwischen Bonn und Berlin verkehren. Zu Weihnachten fuhr der letzte. Statt der 4700 Pendler, mit denen man ursprünglich gerechnet hatte, gab es zuletzt nur noch ganze 650. Was lehrt uns das? Dass Menschen sich anders verhalten als geplant und Beamte gerne mal in Berlin bleiben? Das auch. Aber vielleicht doch mehr: Dass die komplizierte Konstruktion, mit der das heikle Verhältnis zwischen der neuen und der alten Hauptstadt stabilisiert werden sollte, rapide an Bedeutung verloren hat. Oder auch: wie selbstverständlich und unspektakulär sich Berlin als Hauptstadt etabliert hat.

Hätte sich das jemand gedacht? Immerhin wurde bald ein Jahrzehnt heftig darüber gestritten, ob und unter welchen Bedingungen Berlin Hauptstadt sein dürfe. Bedecken wir mit dem Mantel der Barmherzigkeit, dass wir den Beschluss der Verlagerung des Regierungssitzes ohnedies der PDS und der FDP verdanken, weil es in den großen Volksparteien keine Mehrheiten dafür gab: Am Ende war es doch die Arbeitsteilung zwischen Berlin und Bonn, die den Beschluss möglich und konsumierbar gemacht hat. Deren Ausstaffierung mit Stabstellen da, Beamten-Mehrheit dort - nebst Sonderzügen und Ablösesummen - war ein Hauptstück dieses Jahrhundert-Unternehmens. Nun, am Ende des ersten Jahres, in dem Berlin in dieser Rolle agiert hat, ist das alles fast nur noch Ballast, und hinter der Hand wird spekuliert, wann die ganze Regierung nach Berlin zieht - 2004, 2006?

Aber auch die Berliner gehen mit der Hauptstadt mittlerweile um, als müsste es so sein. Kaum jemand stutzt noch, wenn in jeder zweiten Nachricht Berlin als das große politische Subjekt in Anspruch genommen wird, das vierzig Jahre lang Bonn hieß. Niemand staunt mehr, wenn der Kanzler am Gendarmenmarkt sitzt, die Abgeordneten durchs Brandenburger Tor zum Reichstag wuseln und die Botschaften wie Pilze aus dem Boden schießen. Selbst die Zweifel und Verunsicherungen sind vergessen, in die das Ringen um den Umzug die Berliner gestürzt hat, je länger es dauerte. Ist es wirklich erst drei, vier Jahre her, dass wir uns - seien wir ehrlich - nicht wirklich vorstellen konnten, was nun der Alltag der Stadt ist?

Fast noch erstaunlicher, ja, fast ein wenig unheimlich ist es, wie spurlos Bonn hinter dem politischen Horizont versunken ist. Erinnert sich noch jemand daran - Stichwort "Berliner Republik" -, wie Bonn mit einem Male geradewegs zum Gewährleister demokratischer Politik wurde? Gelegentlich konnte man sich angesichts der Leidenschaft, mit der damals gestritten wurde, fragen, ob deutsche Politik ohne das Gütesiegel Bonn überhaupt möglich sein könne. Nun liegt die Stadt ruhig hinter den sieben Bergen, wohl versorgt mit Telekom-Unternehmen. Es mag sein, dass sie die Regierung entbehrt. Aber entbehrt die Politik Bonn?

In der Tat ist nichts von dem eingetreten, was damals vorausgefürchtet wurde. Berlin ist nicht Bonn, das ist evident, aber es ist nicht leicht, den Unterschied zu beschreiben. Es ist wahr, es ist alles etwas zu groß geraten, zu glatt und zu neu - die neuen Landesvertretungen, die nun die Zone besetzen, wo einst die Mauer war, die Tagungssäle und die im neuen Berlin offenbar unumgänglichen verglasten Innenhöfe, ganz zu schweigen vom neuen Kanzleramt, dessen Fertigstellung die halbe Stadt mit bangen Blicken verfolgt. Aber es kann keine Rede davon sein, dass der deutschen Politik der Kamm geschwollen sei oder dass sie sich aus der West-Verankerung löse, für die sie sich in Bonn entschieden hat. Veränderungen erschöpfen sich bislang in Beiläufigkeiten: dem raueren Umgangston oder der Klage über die Entfernungen, die Politiker, Beamte und Journalisten zu bewältigen haben.

Ja, und mehr Abendgarderobe wird nachgefragt. Und dann haben wir auch noch den Streit um die Berlin-Kultur. Man kann sich ja spaßeshalber fragen, wie es Michael Naumann so ergangen wäre, wenn der Kanzler ihn in Bonn und nicht in Berlin zur Fahne gerufen hätte.

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