Meinung : Heftig geleugnete Nähe

Robert von Rimscha

Knapp unter zehn Prozent in Berlin, etwas schwächer im Bund: Dort stehen sie, die Grünen und die FDP. Demoskopisch sind die Konkurrenten um den dritten Platz im Parteienspektrum Nachbarn. Sie liegen gleichauf, was die Stimmen angeht. Nur bei den Stimmungen, da liegen sie nicht gleichauf.

Bis ins letzte Jahr hinein hatten die Liberalen eine ähnlich desaströse Abfolge von Wahlergebnissen zu verdauen, wie sie die Grünen derzeit peinigt. Doch die FDP hat geschafft, wovon die Grünen träumen: Die Zeit des Zitterns ist vorbei. Als Messlatte hat die Partei ihre 18 etabliert - niemand redet mehr von der Fünf-Prozent-Hürde, auch wenn die Hamburger Wahl bewiesen hat, wie real die Möglichkeit des Scheiterns noch immer sein kann.

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Gleichauf. Doch die FDP hat Rücken-, die Ökopartei Gegenwind. Während die FDP von der Schwäche der Union profitiert, werden die Grünen von Schröder erdrückt. Dass im Vergleich der Kleinen die FDP gegenwärtig die mentale Vorherrschaft genießt, liegt auch daran, dass sie geschlossen als Oppositionskraft auftritt, während an den Grünen zwei Kräfte zugleich zerren. Linke und Pazifisten haben sich der PDS zu erwehren. Moderate, Realos und Regierungs-Grüne sind eine linksliberale Teil-Partei geworden, die sich kaum von der FDP der sozialliberalen Regierung Schmidt unterscheidet.

Schlechte Zeiten für Liberale?

Eigentlich dürfte dies keine Zeit für die Liberalen sein. Denn gerade nach dem 11. September sind eher staatliche Eingriffe als Deregulierung gefragt, eher Sicherheit als Freiheit. Haushaltsdisziplin und Steuersenkungen? Hans Eichel hat diese urliberalen Themen usurpiert. Bürgerrechte? Sie auch in Zeiten des Terrors zu verteidigen, ist ehrenwert. Aber wählen die Bürger wirklich deshalb die FDP?

Grüne und Liberale sind zwei Westparteien geblieben, zu denen die PDS im Bund unaufhaltsam aufschließt. Dass die Grünen sich quälen, während die Liberalen jubeln, liegt wesentlich daran, wie Guido Westerwelle die Äquidistanz zu Union und SPD zelebriert. Er präsentiert die Koalitionsfähigkeit in alle Richtungen eben nicht durch einen Schmusekurs, sondern durch wohl austarierte Aggressivität. Kein Eichel und kein Merz weiß, ob er vom FDP-Chef in einer der imageprägenden Talk-Runden als nächstes den Satz zu hören bekommt: Wir haben da einfach grundlegend andere Anschauungen!

Bürger in grün, Bürger in gelb

FDP und Grüne entstammen unterschiedlichen Milieus, decken heute aber ähnliche Positionen ab. Die Liberalen haben, auch gerade mit Westerwelle, den älteren Bürgerlichen und Selbständigen deren Kinder an die Seite gestellt. Die Grünen haben das akademische Protest-Milieu der 70er Jahre begleitet, für das Erfolg, Leistung und Karriere lange Unworte waren. Viele von ihnen sind heute allerdings längst im Bürgertum angekommen. Bei Bildung, Kultur, Wirtschaftsförderung, Zuwanderung und sogar innerer Sicherheit sind die Aussagen der Liberalen und der Grünen ähnlich. Nur darf dies keiner zu laut sagen - weder bei den Liberalen noch bei den Grünen.

Nach außen betont die FDP die Kritik an grüner Verkehrspolitik und an der Ökosteuer, und die Grünen setzen weiter auf Themen wie den Atomausstieg, gießen Spott über FDP-Yuppies aus und erinnern sich gelegentlich an den eigenen Anti-Kapitalismus. Doch die inszenierten Streitereien überdecken nur, dass FDP und Grüne heute nicht nur in Umfragen nahe beieinander liegen. Außer im Flair, außer im Gestus.

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