Meinung : …Heilige Land

Charles a. Landsmann über die außergewöhnliche Einigkeit der religiösen Führer in Jerusalem

Das Oberrabbinat rief – und alle kamen: Patriarch,Erzbischof, Bischof, Scheichs und Rabbis. Schließlich ging

es um den Kampf gegen einen gemeinsamen Feind, die Sünde, und für die allen gemeinsame Heilige Stadt Jerusalem. Das jedenfalls ließen sie nachher verlauten. Historisch sei ihr Treffen gewesen, behaupteten ihre Sprecher. Die Kritiker sprechen dagegen von einer hysterischen Reaktion.

Doch der Reihe nach: Im August soll in Jerusalem das World-Pride-Festival stattfinden. Genau wie vor fünf Jahren in einer anderen heiligen Stadt: Rom. Die Veranstalter verstehen sich auf Provokation, nicht die der breiten Öffentlichkeit, zumindest nicht der israelischen, wohl aber der höheren Geistlichkeit. In deren Augen werden zehn Tage Street Parties, Homo-Film-Festival und Workshops „den Frieden ernsthaft stören“.

Grund genug, dass sich erstmals überhaupt die obersten Repräsentanten der drei monotheistischen Religionen im Heiligen Land zusammentaten und an die Schwulen appellierten: „Bitte regt unseren HERRN nicht auf“! Israels zwei Landes-Oberrabbiner Schlomo Amar (Sefarde) und Yonah Metzger (Aschkenasi; er steht unter Korruptionsverdacht), der lateinische Patriarch Michel Sabbah (ein israelischer Palästinenser), der griechische Erzbischof Aristarchos (in Vertretung seines wegen angeblichen Landverkaufes an Juden heftig kritisierten Chefs), der armenische Bischof Aris Shirvanian, die moslemischen Scheichs Abdul Asis Buchari und Abdul Salaam Manasra, und Siedlerrabbi Menachem Froman (ansonsten ein quer denkender Außenseiter) beklagten gemeinsam: Das öffentliche Zurschaustellen der Homosexualität sei „eine Sünde in den Augen Gottes und ein Abweichen vom Weg der Natur“.

Kaum jemand in Israel (und erst recht nicht in den palästinensischen Gebieten) hatte etwas gewusst von dem bevorstehenden Sündenfall, bis Zeitungsbilder der jubelnden und Händchen haltenden Religionsoberen auf ein Problem aufmerksam machten, das für die meisten Israelis gar keines ist. Das Thema hat nun aber auch die Konkurrenz zwischen der als chauvinistisch geltenden jüdischen Hauptstadt Jerusalem und der hedonistischen Metropole Tel Aviv belebt. In Tel Aviv, wo Hunderttausende bei einer jährlichen Strandparade ihr sexuelles Anderssein feiern, ist WorldPride nun in jedermanns Mund: nicht als Thema ernster Debatten, sondern für Spott über die Jerusalemer und Witze über die dortigen Religionsführer.

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