Heimat Europa : Freunde, Arbeit und Hilfe – über Grenzen hinweg

Nur Griechen und Krise? Zeit für eine kleine Liebeserklärung an Europa und unser aller europäischen Alltag. Ein Kommentar.

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Und sie leuchten doch: Europas Sterne auf einer Flagge, im Hintergrund die Europäische Kommission in Brüssel.
Und sie leuchten doch: Europas Sterne auf einer Flagge, im Hintergrund die Europäische Kommission in Brüssel.Foto: Olivier Hoslet/epa-dpa

Wer auf die Schlagzeilen seit der Griechenland- Wahl schaut, bekommt, zwangsläufig, mehr vom Ewiggleichen: Europa in der Krise. Dabei wäre jetzt, in der deutschen Januartristesse, gerade Saison, sich ein ganz anderes Bild von unserem alten Kontinent zu machen. Ein privates, das zugleich ein sehr politisches ist. Dazu braucht es nur einen Last-Minute-Flug für ein paar Tage Pause da, wo der Himmel, fast um die Ecke, blauer ist als hierzulande. Und etwas Erinnerung an das Europa noch vor einer Generation.

Böse Blicke in Paris, das war einmal

Nein, da waren nicht nur die Flüge unbezahlbar – die Bahn war es damals schon –, und die Geldbeschaffung auf Bankfilialen in Rom oder Madrid, weiland per Auslandsscheck, konnte schon mal einen halben Urlaubstag kosten. Aber nicht nur Währung und Technik zogen noch Grenzen durchs angeblich schon damals gemeinsame Europa: Deutsch war in Paris damals nicht einfach irgendeine Sprache. Wer sie auf der Straße sprach, beschwor sichtbar unangenehme Erinnerungen herauf, manchmal böse Blicke – oder im Gegenteil das unangenehme Wohlwollen französischer Alt-Rechter. Und wer sich nicht wenigstens radebrechend in der jeweiligen Landessprache ausdrücken konnte, war in weiten Teilen Europas, selbst in großen Städten, verloren.

Die Generation Erasmus kann mehr als Englisch

Man mag den alten Zeiten aus guten Gründen auch nachtrauern und bedauern, dass inzwischen überall dieselben Handelsketten die gleichen Klamotten verkaufen und bis ins Baltikum italienischer Espresso aus italienischen Maschinen tropft. Man kann’s aber auch als Ausdruck eines gemeinsamen europäischen Lebensgefühls sehen. Außerdem wachsen im Schutz oder Schatten der lingua franca Englisch – ein Glück, dass ganz Europa sich mittlerweile so verständigt! – die Europäer auch über ihre anderen Sprachen und Kulturen zusammen, auch über die kleineren. Die Generation Erasmus büffelt Polnisch fürs Auslandssemester Betriebswirtschaft in Krakau und Spanisch, womöglich Katalanisch, für Jura in Barcelona. Und nimmt die Generation ihrer Eltern, auf deren Last-Minute-Flucht aus dem nord- und mitteleuropäischen Winter, während der Städtetour an die Hand. Nachrichten-Apps für die rasche Verabredung am Museum kennen eh weder EU-Binnen- noch Generationengrenzen.

Deutsche Mythen

Ein zu gefühliger Blick auf Europa? Eher ein realistischer. Der Kontinent ist zusammengewachsen. Freundschaften, Arbeiten über Grenzen hinweg, Mehrsprachigkeit: Aus einem Privileg weniger ist eine Erfahrung vieler geworden. Eine polyglotte und miteinander gut bekannte Elite konnte Europa vor einem Jahrhundert noch in den Ersten Weltkrieg ziehen. Ein Volk europäischer Bürger wäre ihnen wohl kaum gefolgt.

Das aber ist jetzt Realität und zwingt auch seine Eliten zu mehr Realitätssinn. Dass keine Therapie sein kann, was die Verarmung eines ganzen EU-Landes zur Folge hat, konnte man längst wissen. Nachdem die Griechen am vergangenen Sonntag so massiv gegen die Brüssel-Berliner Therapie gestimmt haben, wird sie sich ändern müssen. Und man kann gespannt sein, wann der gerade in Deutschland populäre Mythos endlich stirbt, der Staatsverschuldung wie eine moralische Schuld wertet und wie private Schulden behandelt sehen will.

Schuld und Schulden, von Bonn bis Athen

Im „Guardian“ hat kürzlich der amerikanische Ökonom Jeffrey Sachs wieder daran erinnert, dass die junge Bundesrepublik nach dem von Deutschland begonnenen Krieg noch größere Schuld(en) hatte, aber im Londoner Schuldenabkommen 1953 entlastet wurde und den Marshallplan bekam: „Hatte Deutschland die Entlastung 1953 ‚verdient‘?“, fragt Sachs. Die Frage sei schon falsch: „Deutschlands junge Demokratie brauchte sie, und Deutschland brauchte einen Neubeginn.“ Auch im Falle Griechenland dürfe man nicht fragen, was das Land verdiene, wie sich seine steuerhinterziehenden Reichen und unfähigen Regierungen verhalten hätten, sondern: was es jetzt brauche. Auch wenn, ließe sich in dieser Woche hinzufügen, die neue Regierung in Athen das derzeit nicht gerade leicht macht: die mindestens kuriose Koalition zwischen weit links und weit rechts, die Rabaukengesten Richtung Brüssel wie bei der Russland-Entschließung.

Wer ein geeintes Europa braucht, kann man dann immer noch fragen, das ist keine Ketzerei. Ob es nicht auch ohne Euro, ohne Erasmus-Programme zusammengerückt und friedlich geworden wäre. Schon möglich. Dennoch schön, im Januar in die Sonne zu fahren und sich dabei ganz zu Hause zu fühlen. So viel Gefühl darf sein.

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